Forschung zur akademischen Kandarenzäumung


 

Die allerwichtigste Zäumung für die akademische Reitkunst zwischen 1550 und 1789 war neben dem Kappzaum die einfache Trensenkandare, die in Frankreich "simple canon" genannt wurde. (Achtung: dieser Begriff wird heute in Frankreich für die normale Wassertrense benutzt!).

Weil ein Kunstreiter eine beizäumende Wirkung braucht, um den Kopf und den Hals des Pferdes in eine gute Aufrichtung für eine passende Versammlung auf der Hinterhand zu bekommen, ist eine Kandare für ihn ein notwendiges Mittel.

Wird nur ein Zügel angezogen, wirkt nur der gleichseitige Mundstückschenkel, ohne die Kinnkette zu spannen; werden beide Zügel gleichzeitig angezogen, tritt die Kandareneinwirkung auf die Kinnkette auf. Achtung: zum Prüfen der Kinnkettenspannung muss man deshalb beide Zügel gleichzeitig und gleich stark anziehen, sonst wird die Spannung sehr stark unterschätzt!

Das Mundstück ist bei der Trensenkandare einmal gebrochen, sie wird als "einfach" bezeichnet, wenn es glatte, von einem dicken äußeren Ende konisch zur Mitte sich verjüngende Schenkel hat, und mit keinerlei Zusatzteilen versehen ist, die z.B. zum Spielen der Zunge o.ä. anregen sollen. Es ist bei La Broue und Gueriniere außen deshalb sehr dick, damit die Lippen viel von dem Gewicht mittragen können, und der Zügelanzug schon von den Lippen bemerkt wird, bevor die Zunge oder gar die Laden vermehrt belastet werden; so gewinnt das Pferd Zeit, sich auf den Anzug des Zügels einzustellen und evtl. schon zu reagieren, bevor der Druck größer wird.


Mundstück der einfachen Trensenkandare nach La Broue mit der von ihm als passend für die meistenPferde angesehenen Höhe der Zungenfreiheit, Außendicke ca 3.0 cm.

Wenn die beiden Schenkel des Mundstückes zur Mitte hin ansteigen, geben sie darunter mehr Platz für die Zunge frei, dies nennt man die „Zungenfreiheit“. Ist sie zu hoch, kann das Mundstück schon mal gegen den Gaumen des Pferdes kommen, was das Pferd sehr stark irritiert. Dies kann obendrein noch verstärkt werden, wenn das Pferd durch einen Nasenriemen oder einen Kappzaum daran gehindert wird, das Maul zum Ausweichen zu öffnen. Ist die Zungenfreiheit zu niedrig, wird die Zungenbewegung und damit die Fähigkeit, den Speichel zu schlucken, behindert.

Eine Trensenkandare muss eine Schaumkette besitzen, die dafür sorgt, dass die Oberbäume einen Mindestabstand von den Wangen des Pferdes halten und nicht nach innen gegen seine Zähne drücken können.

Eine Kandare hat zwei Seitenteile, zwischen denen das Mundstück befestigt ist. Der Aufbau dieser Seitenteile bestimmt alle Einwirkungen des Mundstückes.

Zieht man die Zügel an, drehen sich die Seitenteile um das Mundstück als Drehachse: der Unterbaum geht nach hinten, der Oberbaum nach vorn.

Aber auch, wenn man die Zügel locker lässt, kann die Kandare einwirken: das Eigengewicht der Unterbäume sorgt bei einer hoch getragenen Pferdenase dafür, dass etwas Druck an der Kinnkette auftritt, und das Pferd die Nase so weit herunternimmt, bis es das Gebiss im Maul selbst halten kann oder bis es so weit wie nötig und gewünscht beigezäumt ist, d.h. die Nase des Pferdes so weit heruntergekommen ist, wie die Ganaschenweite, der Ausbildungsstand und die Psyche des Pferdes es zulassen, und wie die jeweilige Lektion es verlangt. Die von vielen kategorisch verlangte immer senkrechte Stirnlinie ist in vielen Fällen weder möglich noch erforderlich oder sinnvoll, und in manchen Fällen bedeutet eine Stirnlinie von nur 45° (oder sogar höher) schon die ideale Kopfhaltung. Im Französischen benutzt man das Wort „ramener“, was meist übersetzt wird mit „Kopf und Hals in eine schöne Haltung bringen“ und weniger strikt klingt.


Salomon de la Broue: "Le Cavalerice Francois": A vor der Linie, hoher Bugabgang = hart,   o: auf der Linie = normal,   E:  hinter der Linie, tiefer Bugabgang = schwach/rückbiegig

Diese Einwirkung ohne Zügelanzug ist nur dann korrekt, wenn die Unterbäume eine dem jeweiligen Pferd entsprechende Stellung haben: die meisten Pferde brauchen eine Normalstellung „auf der Linie des Banketts“. Hat das Pferd aber ein weiches Maul, einen schwachen Hals, rollt es sich auf, bis das Kinn an seiner Brust anliegt, dann benutzt man Seitenteile, die hinter der Bankettlinie enden, damit diese Pferde eher die Nase etwas weiter vorn tragen können. Pferde, die ein sehr starkes Maul haben und schwer beizuzäumen sind, können dagegen Seitenteile bekommen, die vor der Linie enden, damit diese den Kopf in die richtige Haltung bringen.

An manchen Stellen liest man bei den alten Meistern, das Pferdemaul solle schäumen. Das Schäumen kommt daher, dass das Pferd den Speichel nicht schluckt. Passiert dies nur aus Konzentration auf die Lektion, ist dies manchmal durchaus wünschenswert, es tritt dann häufig mit einem Beben der Lippen auf, sollte aber auch dann natürlich nicht zu lange beibehalten werden. Schluckt das Pferd aber den Speichel nicht, weil das Mundstück auf die Zunge drückt, schwillt diese vielleicht sogar an oder wird blau, ist das unerwünscht und ein schädliches Schäumen, das vor allem mit einem dünnen Gebiss, auch bei einer einfachen Wassertrense, zu schweren Zungenverletzungen führen kann.

Heutzutage bezeichnet man den Bereich des Seitenteils oberhalb der Mitte des Mundstückes als Oberbaum, der Bereich darunter wird Unterbaum genannt.

Diese Bezeichnung Oberbaum würde früher nie verwendet, und den heutigen Unterbaum nannte man damals einfach nur „Baum“. Der heutige Oberbaum war bei La Broue und Gueriniere das „banquet“ mit dem „Auge des Banketts“, bei Prizelius das „Oberteil“.

Während dieser mindestens 250 Jahre war die wichtigste Bezugsstelle für die Richtungen vorn und hinten die Linie des Banketts (vorn = Stirnlinie, hinten = Unterkieferlinie); für die Richtungen oben und unten die Mittellinie des Banketts, die durch die Mitte des äußeren Mundstückendes geht (oben = Genick, unten = Kinn des Pferdes).



Das Gebiss wurde in der Mitte des Banketts befestigt, am Falz des Banketts (frz. „ply du banquet“), auch Boden genannt.


Kandarenaufbau bei Löhneysen: G: schwacher Bug,  H: mittlerer Bug,  I: starker Bug (Zunahme bei ihm nur über die Länge)
4: hoher Oberbaum, kurzer Unterbaum, hinter der Linie: schwache Kandare
6: niedriger Oberbaum, langer Unterbaum, vor der Linie: starke Kandare; 5: mittelstarke Kandare

Der obere Teil des Oberbaumes soll ein wenig nach hinten geneigt sein, damit in der Ruhestellung das Auge über dem Maulspalt steht und die Lederschlaufe des Backenstückes nicht an das hintere Ende des Auges rutscht (La Broue).

Der Unterbaum kann gerade oder geschwungen ausgeführt werden. Ein gerader wird als erste Zäumung (zusammen mit dem Kappzaum) für das junge Pferd empfohlen, zunächst ohne Kinnkette, später mit. Ist das Pferd mehr geschult, wird eine geschwungener Unterbaum empfohlen. Der Schwung entsteht durch einen nach hinten oben verlagerten Abgang des Unterbaumes, der mit zunehmender Abgangshöhe zunehmend stärker beizäumt. So zeigt Gueriniere als normal geschwungenes Seitenteil einen 45° Abgang, gemessen von der Mitte des Mundstückes. Der entstehende Bogen heißt „Bug“ (frz.“coude“). Bei diesem Bug bewirkt auch ein zunehmender Abstand von der Bankettlinie eine verstärkende Rolle.


mittelstarke Kandare bei Gueriniere: er zeigt für alle drei Varianten nur eine mittlere Bughöhe und Buglänge (s. auch ganz unten) 

Während La Broue und Gueriniere darauf hinweisen,, dass eine alleinige Veränderung des Bugs nutzlos sei: es müsse auch der untere Verlauf des Unterbaumes entsprechend angepasst werden, sieht Prizelius es anders: er meint, dass man sehr wohl beide getrennt voneinander verändern könne und jeweils eine spürbare Wirkungsänderung erreiche. (Seine Skizze wurde in seinem Buch 1777 leider nicht richtig wiedergegeben, ich habe sie deshalb hier korrigiert). Auf dieser Skizze findet sich gar kein Unterbaum „hinter der Linie“ ( was dasselbe ist wie „rückbiegig“), sondern nur einer auf der Linie und verschiedene Verstärkungen vor der Linie.


Bei Prizelius werden Abgangshöhe des Buges und die Stärke des Vorschubes der Rosette, an der der Zügelring befestigt ist, verändert: 1: normale Kandare, 5: sehr,sehr starke Kandare
d: Falz des Banketts, an dem das Mundstück befestigt wird

Das Verhältnis von der Länge des Unter- zu der des Oberbaumes ist ein wichtiger Indikator für die Krafteinwirkung der Kandare (in Guerinieres Skizze 3:1). Die volle Krafteinwirkung wird allerdings in der akademischen Reitkunst so gut wie nie eingesetzt, da die Pferde erst dann ohne Kappzaum auf blanke Kandare geritten werden, wenn sie jahrelang darauf trainiert wurden, fast ganz nur auf die Sitzhilfen hin anzuhalten. Passiert es einem Kunstreiter, dass er mehrmals eine stärkere Kandareneinwirkung benötigt, wird er wieder die Hilfe des Kappzaumes dazunehmen, um das Pferdemaul sensibel zu erhalten.

Aber auch die Länge des Oberbaumes spielt eine Rolle, denn laut La Broue nimmt die Kraft auf die Kinnkette mit zunehmender Länge des Oberbaumes zu. Er empfiehlt für die meisten Fälle eine Länge von 4 Querfingern (ca. 7cm) für den Oberbaum, hier spielt allerdings die Kopfgröße und die Größe der Maulspalte eine erhebliche Rolle.

Der Hauptgrund für die Wahl eines langen Unterbaumes (in der Gueriniereskizze 21cm) ist der viel längere Zügelweg, der dazu führt, dass das Pferd nicht jede kleinste Einwirkung stark im Maul spürt, falls es selbst den Kopf bewegt oder wenn der Reiter versehentlich etwas am Zügel zieht (beides geschieht ja in der Bewegung ständig), so kann es diese häufig ignorieren und sich dadurch vertrauensvoll etwas auf das Gebiss legen, also ständige Anlehnung nehmen, und als Folge eine dauernde Kommunikation mit der Reiterhand halten.

Bei Pferden mit einem schwachen Maul und der Neigung sich aufzurollen, wird empfohlen, eine Kandare mit dem Unterbaum hinter der Linie zu benutzen: dies führt dann dazu, dass beim Aufrollen schon die Unterbaumenden vor dem Kinn des Pferdes an seiner Brust landen, was einerseits zur Folge hat, dass dann der (nutzlose) Zug auf die Laden des Pferdes viel früher gestoppt wird, andererseits kann der Reiter dann mit diesen Enden eventuell direkt rückwärts ziehend gegen die Pferdebrust einwirken, in der Hoffnung, dass das Pferd dies als rückwärtswirkendes Signal erlernt (natürlich zusätzlich zur Sitzhilfe und ggf. dem Kappzaum).

Hat man eine nicht ganz passende Unterbaumform, kann man auch mit einer Veränderung der Kinnkettenspannung eine Abschwächung oder Verstärkung der beizäumenden Kandareneinwirkung erreichen.

Alles in allem ist die einfache Trensenkandare beim bestimmungsgemäßen Gebrauch durch den erfahrenen Kunstreiter die sanfteste, schonendste und effektivste Zäumung. Beim unerfahrenen Reiter muss man dies differenzierter sehen: lernt er langsam auf einem erfahrenen, älteren, sehr ruhigen Pferd, bei einem Reitlehrer, der ihm den sichereren Gueriniere-Sitz beibringt, kann sie auch hier durchaus angebracht sein, da dieser Lernende sich eher selten an den Zügeln festhalten muss; alle Fehler, die eine „falsche“ Zäumung mit sich bringen, würde er zunächst gar nicht mitmachen müssen und sehr viel leichter und schneller zu einer korrekten akademischen Reitweise finden.

 

Übrigens ist die Dauer der Kappzaumverwendung immer schon sehr umstritten gewesen: so meint Claudio Corte in seinem "Il Cavallerizzo", 1562: "Hat das Pferd diese Reife erlangt, würde ich raten, den Kappzaum wegzulassen und noch kurze Zeit mit den falschen Zügeln [zusätzlich zu den Kandarenzügeln; DA] zu reiten, und nicht, wie diverse Reiter es tun, den Kappzaum weiterhin, über Monate, Jahre oder ganze Zeitalter der Menschen zu benutzen, bevor sie das Pferd als fertig bezeichnen..." (Nach der Übersetzung von Thomas Bedingfield, "The Art of Riding", S.57; von 1584) .







F.R. de la Gueriniere, "Ecole de cavalerie", S.33


 


 

Kandarenteile, (P) = aus dem Stich „Der Bereiter“ von Prizelius, 1777, Tab.II

fette Buchstaben (P..) aus: "Vollkommene Pferdewissenschaft" Prizelius 1777,Tab. XII


  1. banquet ( Sitzbank) (P XII, IV 1) = Oberteil (L): Bereich oberhalb des Unterbaumes

  2. oeil de banquet = trou de banquet = (oberes) Auge (P)

  3. gourmette = Kinnkette

  4. esse = das lange Glied (P)

  5. crochette = der Haken (P)

  6. embouchure, morceau, mors = Mundstück (P), Gebiss

  7. branche = Baum (P XII, IV 3)

  8. coude = Bug (P) (P XII, IV i)

  9. jarret = Knie (P) (P XII, IV k)

  10. soubarbe = Lappen (P) (P XII, IV h)

  11. bas de la branche = der Absatz (P) (P XII, IV m)

  12. gargouille = der Überwurf (P XII, IV n)

  13. touret = Kloben (P),(P XII, IV o) Befestigung des Zügelrings

  14. trou du touret? das Klobenloch (P XII, IV p)

  15. chainette= Schaumkette (P); Beyketlein (Löhn)

  16. anneau = Zügelring (P) (P XII, IV q)


Brindley schreibt, das banquet sei dasselbe wie der Zapfen (18)

cannon-mouth = Mundstück

bitt-mouth = Mundstück

sevil = Kloben






 

folgende Buchstaben (P..) aus: Vollkommene Pferdewissenschaften Prizelius 1777,Tab. XII



  1. fonceau = Holzscheibe, die der Gebissschmied fertigte, zum Aufsetzen an jeder Seite des Mundstücks, um dessen Öffnungen zu verstopfen (Cotgr. 1611);

    - Enden des Mundstücks an denen die Bäume befestigt werden (Guer.1733):

    - Boden (Prizelius); (P XII, IV f)

  2. Zapfen, an dem das Ende des Mundstückes befestigt wird, unter dem Boden (P XIV d)

  3. talons: die beiden Schenkel des gebrochenen Mundstücks (P XII, IV y)

  4. pli: Knickstelle, Mittelgelenk der Trense und auch Boden

  5. brisé: gebrochen

  6. jeu = Spiel der Trense/canon simple

  7. arc du banquet = Seheloch, Bogen um das Mundstück für falsche Zügel (P XII, III h)

  8. ligne du banquet = Linie

  9. oeil de Perdrix = Loch für zweite Schaumkette

  10. boucettes = bouchettes = Mäulchen, Mündung

  11. rozette de la branche = Rose (Befestigung für eine Rose und für eine evtl. Zweite Schaumkette) (P XII, IV l)

  12. branche gaillard = hardie = unter sich zäumend

  13. branche foible = foible, flasque, = über sich zäumend

  14. broschettes = Zierkäppchen




Prizelius: "Der Bereiter", Tab II B



Prizelius: "Vollkommene Pferdewissenschaft"  Tab XII III



Prizelius: "Vollkommene Pferdewissenschaft",  Tab XII IV