Forschungsobjekt Guérinière-Sitz


 

Seit März 2016 wende ich den Sitz nach Guérinière etwas abgewandelt an und habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht.

Bei diesem Reitersitz sollen die Reiterbeine nach vorn gehalten werden, "vor dem Pferd", und diesen Platz fast immer beibehalten.

Das Kinn soll hoch getragen und die Brustwirbelsäule etwas nach vorn geschoben werden, die Schulterblätter sollen etwas abwärts wandern, ohne sie hinten zu sehr zusammenzuziehen; in etwa wie bei einem 100m Läufer, der als erster das Zielband durchreißen möchte.

Guérinières Grundhaltung besteht weiterhin aus einer über dem Widerrist aufrecht stehenden Faust, in der die Zügel einhändig links geführt werden, Zäumung auf blanke Kandare, oberer Zügel zwischen 4.und 5. Finger, unterer Zügel um den Kleinfinger herum.

Der Daumen der Zügelfaust ist oben, der kleine Finger unten.

Die Faust steht um 10-15° nach links gekippt (10° supiniert). Diese fast senkrechte Haltung wird im Grundsitz geradeaus in der Regel nur äußerst minimal verändert. Der Daumen zeigt immer nach vorn und liegt parallel zur Wirbelsäule des Pferdes.

Wenn das Pferd nicht gut ausgebildet ist, muss der rechte Zügel aber gelegentlich mit der rechten Hand gegriffen werden, dafür wird dann die Gertenhand eine Fausthöhe tiefer als die Zügelhand gestellt (Nachtrag 2018: dies gilt nur bei Verwendung einer Trensenkandare); ansonsten steht die Gertenhand auf gleicher Höhe wie die Zügelhand und nahe bei dieser. Um mein Gleichgewicht in dieser Haltung zu trainieren, wende ich sie häufig an, auch ohne die Zügel getrennt zu führen.

 

Guérinière hebt zum Versammeln die Zügelfaust und senkt sie wieder zum Zulegen.    

Meine Abwandlung besteht darin, dass ich zum Zulegen das PIP-Gelenk (Gelenk zwischen dem Grund- und dem Mittelglied) des Zügelfaustkleinfingers nach vorne schiebe und damit die senkrecht stehende Faust so kippe, dass der untere Teil nach vorne zeigt (als wolle man mit einer senkrecht in der Zügelfaust getragenen Gerte sich selbst in der Mitte seiner Stirn touchieren):  im Extremfall kann der Reiter die Fingerrücken der Grundglieder der Finger zwei bis vier sehen.  So entsteht eine radiale Abknickung des Handgelenks (= zum Radius (dt.: Speiche) hin). Diese Bewegung des Handgelenks gleicht der Bewegung der unteren Hand am Stechpaddel in einem Kanadier beim Rückwärtspaddeln: die resultierende Reiterückenspannung ebenso. Es entsteht eine starkes Spannungsgefühl über (radial) und unter (ulnar) dem Handgelenk bis in die Mitte des Unterarmes hinein.

Als Bezeichnung  für diese Bewegung schlage ich den Namen "Pinky-Push" vor (Pinky = engl. für "Kleinfinger").

Zum Versammeln dagegen ziehe ich den Kleinfinger nach hinten Richtung Reiterbauch, damit wird die Faust so gekippt, dass im Extremfall für den Reiter der Daumennagel nicht mehr sichtbar ist (als wollte man mit einer senkrecht in der Zügelfaust getragenen Gerte das Pferd mitten zwischen den Ohren touchieren).  Hier entsteht eine ulnare Abknickung des Handgelenks (zur Ulna, dt.: Elle) hin. Für diese Bewegung schlage ich den Namen "Pinky-Pull" vor. In beiden Fällen bleibt der Daumen in derselben Lage wie vorher.

  Die rechte Hand wird auf den meisten seiner Bilder in Supination gehalten (Supination  ist die Haltung der Handfläche nach oben (Gedächtniskrücke: "als wolle man Suppe aus der Hand essen"); das Gegenteil, Handrücken nach oben, bezeichnet man als Pronation. Nicht nur mit dem Vorschieben des Kleinfingers der Zügelhand, sondern auch mit dem der Gertenhand kann man das Zulegen unterstützen = Pinky-Push der Gertenhand (diese muss dafür aber die Supination aufgeben und sich aufrecht in Neutralstellung begeben).     

Erst die Supination der Hände gibt dem Reiterbauch den Raum, nach vorn zu kommen (pronierte Hände dagegen verhindern das!): ich nenne das "den Bauch vor dem Pferd". Diese Haltung ist die Voraussetzung für den Pinky-Push.  



  
 

Das Zulegen erfolgt erstaunlich spontan: schon während des Pinky-Pushes, als nehme man den Druck von einer Stahlfeder! Das Versammeln durch den Pinky-Pull hingegen erfolgt so sanft, dass ich immer zwei bis drei Schritte/Tritte brauche, um es zu registrieren.

   

Forschungsteil A wäre die Bestätigung folgender Thesen durch andere Reiter:

1. Das Zulegen durch den Pinky-Push (= Vorschieben des Kleinfinger-PIP Gelenks der Zügelhand) kommt nicht durch die winzige Gewichtsverschiebung des kleinen Teils der Faust Richtung Vorhand zustande, sondern durch die enstehende Muskelspannung im Reiterrücken, die den Reiterbauch  nach vorn kommen läßt und deshalb das Reiterbecken minimal nach vorn kippt.

2. Das Versammeln durch den Pinky-Pull kommt ebenso hauptsächlich dadurch zustande, dass der Reiterbauch beim Zurückführen des Kleinfingers eingezogen wird und dadurch das Reiterbecken zum Nachhintenkippen kommt.

3. Die Supinationshaltung der Gertenhand hebt die Blockierung des rechten Schultergelenks auf, dieses kommt etwas nach hinten und fühlt sich freier an. Der rechte Oberarm legt sich an den Brustkorb des Reiters,  der jetzt ausgewogener sitzt.

4. Drückt man bei nach vorn genommenen Beinen die Vorfüße in den Steigbügel, kommen die Fersen etwas hoch und die Oberschenkelmuskeln entfernen sich vom Brustkorb des Pferdes, dies führt zu einer größeren Rotationsfreiheit des Pferdebrustkorbes beim Versammeln (nicht zu verwechseln mit dem einfachen Hochziehen der Fersen!).

Forschungsteil B wäre dann bei Bestätigung einer oder mehrerer meiner Thesen in A der Versuch, dazu passende Muskelbewegungsketten beim Reiter darzustellen (dazu könnten auch Orthopäden, Physiotherapeuten und Osteopathen etwas beitragen): denkbar wäre z.B.: „Der Pinky-Push (das radiale Kippen der Zügelfaust) zum Zulegen führt über ein Anspannen der radialen Handabduktoren zu einer Anspannung des Muskulus triceps brachii, das wiederum zu einem Abkippen des unteren Schulterblattes mit Druck auf die Rippen, was wiederum zu einer steileren Stellung der  BWS führt und dies wiederum zu einer verstärkten LWS-Lordose, die das Reiterbecken nach vorn abkippen läßt. Das alles mit Bennung der einzelnen Muskeln und deren Bewegungen, ggf. auch deren Gegenspielern.

Oder vielleicht für die Pronation der Gertenhand: „Die Blockierung der rechten Reiterschulter bei pronierter Gertenhand resultiert aus der Anspannung des Muskels X, die zum Festhalten des gleichseitigen Schultergelenks und reflektorisch über eine Anspannung des langen Rückenmuskels zu einem Heben des Beckens linkssseitig durch den Muskel Z und damit zu einem Verschieben des Reiterkörpers oberhalb seines Beckens nach rechts führt.“

Wenn genügend Reiter Teil A überprüft haben, würde ich gern eine Diskussionplattform o.ä. aufbauen für alle, die an Teil B mitwirken werden.

Dr. Daniel Ahlwes, Schimmerwald, Juli 2016

P.S.:Vorsicht: wenn man die Beine nach vorn hält, darf man dort vorn die Sporen nicht einsetzen: man trifft dabei häufig den ungeschützten Ellenbogenknochen des Pferdes, trotz stumpfer, abgerundeter Sporen sehr schmerzhaft!)


 Gründe für den Guérinière Grundsitz:

Ich stimme der Meinung zu, dass eine Kandarenzäumiung von beträchtlichem Nutzen ist. Des weiteren halte ich die einhändige Zügelführung in den meisten Situationen für überlegen (die beidhändige verwende ich bei blanker Kandare nur in ausgesuchten Ausnahmesituationen).

Mein zweimonatiger Test mit dem akademischen Hackamore hat gezeigt, dass der Sitz damit genauso wirksam ist, deshalb nehme ich an, unter Cavemore und sogar einhändig geführtem Kappzaum wird es auch gehen.

Wenn man bei der einhändigen Zügelführung nicht nur mit einem dominanten Zügel arbeiten möchte, der nur an einer Seite des Pferdehalses anliegt (wie z.B. beim Marc Aurel-Denkmal), sondern  beide Zügel mit mehr oder weniger  gleichem Druck auf die Haut des Pferdehalses einwirken lassen möchte, ist damit die Zügelfausthaltung in der Mitte vorgegeben: bei Guérinière im gebogenen oder geraden Geradeaus senkrecht mittig über dem Widerrist, mit nach vorne zeigendem Daumen, der parallel zum Widerristverlauf steht.

Da die Mitte über dem Widerrist von der Zügelhand besetzt ist, muss man damit leben, dass es hierbei keine Symmetrie des Reiteroberkörpers geben kann, und versuchen, einen entsprechenden Ausgleich zu finden um das Reitergleichgewicht irgendwie wiederherzustellen.

 

 

Die Haltung der Zügelfaust (senkrecht stehend mir geringer Kippung der Faust nach links) stellt eine beginnende Supination auch der linken Hand dar: diese führt dazu, dass der linke Oberarm an den Brustkorb geführt wird und relativ stabil in dieser Lage gehalten wird.Die Supination der Gertenhand führt als Ausgleich nun nicht nur dazu, dass die rechte, blockierte Schulter frei wird, es legt sich dabei auch der rechtsseitige Bizepsmuskel mehr an den Brustkorb des Reiters an und gleicht damit die Oberarmhaltung  der linken Seite aus.Zum Abwenden kippt man die  Zügelfaust so, dass der (wie immer nach vorn zeigende) Daumen nach aussen wandert, bei feststehender Basis der Zügelfaust, und löst damit eine winzige Druckdifferenz des Zügeldrucks am Pferdehals aus, die eine prompte und punktgenau steuerbare Wendung des Pferdes hervorruft. Zur Unterstützung der Rechtsbiegung legt Guérinière die Gerte, supiniert gehalten, quer über Zügel und Hals nach links. Beim Linksbiegen hält man in Supination die Gerte in einigem Abstand rechts parallel zum Pferdehals. Möchte man hierbei nicht versammeln, muss man darauf achten den Pinky-Push anzuwenden (also den Kleinfinger deutlich vorzuschieben).

 

Mein Plan zum weiteren Selbstunterricht (unter gelegentlicher, regelmäßiger Supervision mit hochkarätiger Hilfe zur Selbsthilfe durch den MdAR Marius Schneider), ist es, zunächst für einige weitere Monate den Guérinière Grundsitz einzuüben, mit dem Ziel, in jeder Reiteinheit wenigstens ein Drittel der Zeit in einer guten Annäherung an diesen Sitz zu reiten. Erst danach werde ich versuchen, den viel komplizierteren erweiterten Sitz nach Guérinière zu trainieren:

Guérinière zeigt nämlich auf vielen Bildern ein zusätzliches Merkmal: für eine stärkere Rechtsstellung im Pferdehals  benutzt er den kleinen Finger der Gertenhand, um in den rechten Zügel zu greifen: so reitet er dann aber in Wirklichkeit mit getrennten Kandarenzügeln. Er benutzte allerdings am liebsten eine "simple canon" eine Kandare mit einfach gebrochenem Mundstück: Benutzt man hingegen eine durchgendes, ungebrochenes Mundstück, erfordert dies eine sehr große Sicherheit im Grundsitz und in der getrennten Zügelführung, weil es schnell zu einer sehr starken und ungleichmäßigen Einwirkung an beiden Zügeln kommen kann! Er stellt dabei die Gertenhand eine Fausthöhe tiefer als die linke, sie bleibt in Supination, nimmt nur noch „nebenbei“ den kleinen Finger für den nun viel tiefer verlaufenden rechten Zügel hinzu. Ist seine Grundhaltung schon ziemlich anspruchsvoll, erreicht der Reiter hier schon eine kleine Meisterschaft, wenn er dies korrekt ausführen kann! Als intermediäre Zügelführung kann man den kleinen Finger der Zügelhand in Richtung Gertenseite ausstrecken und damit den Zügel etwas abstoßen, um die gertenseitige Biegung unterstützen.



 

Update August 2016:


 

 

Inzwischen sehe ich den Guérinière Grundsitz als sehr verlässliches Fundament meines Sitzes an, dessen wichtigste Stützpfeiler meine fast immer nach vorne gehaltenen Beine plus die fast immer aufrecht, ca. 10% supiniert gehaltene Zügelhand und die 30-90° supinierte Gertenhand sind (die aufrecht stehende Faust als Basis wird hier mit 0° bezeichnet, von der aus  90° Supination in die eine und 110° Pronation in die andere Richtung möglich ist).

Gelegentlich noch notwendige große Bewegungen der Gertenhand können an diesen stabilen Elementen sehr gezielt angelehnt werden.

Die meisten Reiter werden frustrane Erlebnisse mit der Nicht-Reproduzierbarkeit bestimmter Hilfengebungen kennen: führt man z.B. den Gertenoberarm an den Oberkörper, kann es sein, dass man damit ein weiches, promptes Kruppheraus zur Gegenseite auslöst. Wenn das fünfmal gut geklappt hatte, freute man sich unbändig, eine neue schöne Hilfengebung gefunden zu haben. Leider klappte es dann plötzlich für Monate nicht mehr oder kaum noch!

Die Ursache sehe ich nun, zumindest zu einem großen Teil, darin, dass das Anlegen des Oberarmes an den Brustkorb in Pronationsstellung der Hand einen ganz anderen, oft sogar gegenteiligen Einfluss hat als in Supinationsstellung der Hand! Deshalb achte ich jetzt sehr auf diese Rotation der Unterarme: so wird der Hieb meiner Gerte, mit der ich als Blankwaffenersatz Brombeerranken, Distelköpfe usw. attackiere, sehr viel sicherer und weicher in Supination (entsprechend dem Vorhandschlag beim Tennis und beim Polo: hierbei kommt allerdings zusätzlich eine beträchtliche Aussenrotationsfähigkeit im Schultergelenk ins Spiel!).

Auch das Touchieren der Kruppe/Hinterhand auf beiden Seiten versuche ich nun immer in Supination der Gertenhand auszuführen; wenn ich z.B dazu (zur gebogenen Seite) die Gertenhand vorn um meinen Bauch herum nach hinten führe, geht das nur so, denn in Pronation würde sich meine Wirbelsäule deutlich verwerfen und Takt und Bewegung des Pferdes schwer stören.

Diese starke Drehung des Oberkörpers nutze ich auch gern als Gymnastizierung meiner rechten Schulter, die hierdurch freier wird und viel mehr nach vorn kommen kann (und als Vorbereitung für einen Werkzeuggebrauch auf der "falschen" Seite!). Man muss natürlich aufpassen, das dabei die Zügelhand ihren Platz über dem Widerrist nicht verlässt, was ein wenig anspruchsvoll ist!

Die letzten drei Sätze  zeigen, dass ich auch noch die Gebrauchsreiterei im Auge habe: Der Guérinière Sitz hingegen ist ja reine "L'Art pour l'art" (Kunst nur für die Kunst). Hier wäre das schönste Kompliment vielleicht, wenn Baron von Eisenberg (1748) meinen Reitstil wie den des Rittmeisters von Regenthal bewunderte:" Ich habe niemals einen Reiter gesehen, der steiffer zu Pferde gesessen wäre oder der die Vortheile sonderheitlich der Beine besser gewusst hätte als er! Es war eine rechte Freude anzusehen..!" (Im Kommentar zu Tafel 37,  hier auf Seite 76).

 

Update 2:


 

 

Gueriniere durfte sich allerdings nicht so weit von der Gebrauchsreiterei entfernen, dass er auf den Rechtshändersitz verzichten konnte/wollte. Wir sind heute freier als er und lassen auch den Linkshändersitz, mit Vertauschen der Gerten- bzw. Zügelhand, zu.

So kann ich der  Schwierigkeit, den kleinen Finger in den rechten Zügel einzuhaken (und damit dem Reiten mit getrennten Zügeln) manchmal aus dem Weg gehen, indem ich zeitweise die Zügel in die rechte Hand wechsele. Im Linkshändersitz kann nun der rechte Kleinfinger die größere Bewegungsfreiheit nutzen um das Pferd im Hals schonender zu stellen; ausserdem ist nun die Gerte zum Verstärken der Rechtsstellung nicht mehr nur eingeschränkt quer über den Hals des Pferdes, sondern voll parallel links des Pferdehalses einsetzbar.

Das bedeutet bei Zulassen des Wechsels in den Linkshändersitz bei Bedarf, dass die Gerte nun bei Bedarf auf beiden Händen aussen getragen werden kann!

 

 


Update 15. September 2016:


 

 

Mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass für das einhändige Reiten dieser Sitz der neue Referenzsitz in der akademischen Reitweise  werden wird, an dem sich alle anderen werden messen lassen müssen. Grobere, unpräzisere Hilfen entfallen ganz, viele Hilfen werden unsichtbar und das Pferd geht sehr viel freier und ungezwungener: die Anmut des Pferdes bleibt erhalten.

Durch den festgelegten Grundsitz kommt der Anfänger viel schneller vorwärts und der Fortgeschrittene kann an diese feste Struktur wunderbar Neuerungen/Änderungen anlehnen und deren Auswirkungen genauestens evaluieren.

Vielleicht werden wir schon bald an die Exzellenz eines Barons von Eisenberg oder Guerinieres herankommen und so auch schöne Schulen über der Erde viel mehr Reitern ermöglichen?

 



 


 



Update 26.Sept.:

 

 

Mit dem Pinky-Push (dem Vorschieben des Kleinfingers der Zügelfaust) wird das Vorschicken des Pferdes (in Kombination mit bedarfsweiser Unterstützung durch die Gerte) so einfach, dass die Reiterbeine sich für immer längere Zeiträume und immer weiter vom Pferdebauch entfernen können und mit der Zeit sogar eine Drehung der Fersen vom Pferd weg langandauernd möglich ist. Das führt zum Wegdrehen des Wadenmuskels und zu einem noch freieren Gang des Pferdes (ein Hindrehen des Wadenmuskels zum Pferd innen findet nur noch kurzzeitig und bedarfsweise statt).

Das zusätzliche leichte Hochziehen der Fersen führt zu einer Versteifung von Sprung- und Kniegelenken des Reiters und aus dieser resultiert ein dauernd gleichbleibender Abstand von Fußballen zu Gesäß (ein wenig „steht der Reiter in den Bügeln“, vergleichbar einem „Sitz“ auf einem Stehhocker).

Dadurch wird ein Plumpsen in den Sattel verhindert und beim Traben oder Galoppieren entsteht ein immer gleicher angenehmer Sitzdruck im Sattel, ganz unabhängig von steifen Gängen des Pferdes oder evtl. steilstehenden Fesselgelenken. Es kommt zu keinem „Auswischen“ des Sattels mehr und der Reiter sitzt immer an derselben Stelle im/auf dem Sattel. Die Federung des Reiters findet nun gleichmäßig in allen seinen minimal nachgebenden Hüft-, Knie- und Sprunggelenken statt.

 




Update 28.Sept. 2016: 


Inzwischen wird die Gleichartigkeit des Gueriniere-Sitzes, mit supinierten Händen, mit dem Lotossitz im Yoga klar: Der Lotossitz erzeugt die bestmögliche Haltung der menschlichen Wirbelsäule auch für extrem langes Sitzen: Die (hierbei fast maximale) Supination der Hände führt zu einem Zurückführen der Schultern, einem Öffnen des Brustkorbes nach vorn und hierdurch einer physiologischen Stellung der Brustwirbelsäule (der Kyphose). Die nun richtig stehende LWS (Lordose) und BWS (Kyphose) ermöglicht jetzt auch der Halswirbelsäule das Einnehmen der besten Stellung (Lordose) und konsekutiv dem Kopf eine ermüdungsfreie Haltung mit erhobenem Kinn.

Die bisher überwiegende  Pronation der Hände führte dagegen zu einer Einengung des Brustkorbes durch die nach vorn wandernden Schultern: Es entstand ein unphysiologischer "Buckel" (Hyperkyphose) in meiner BWS, die auch als falscher Knick bezeichnet werden kann, der genauso wie der falsche Knick in der Pferde-HWS an dieser Stelle einen Stopp für die Schwingungen in der Reiterwirbelsäule bewirkt. Kein Wunder, dass mein Kopf zu häufig nach unten kam: er hatte ja kaum Unterstützung bei dieser schlecht stehenden BWS und HWS!

  Diese Haltung ergab ein  Nachvornfallen des Oberkörpers und konsekutiv eine Belastung der Vorhand. Zusätzlich führte diese WS-Haltung zu einem Abkippen meines Beckens nach hinten, die Hilfe für ein Versammeln: deshalb trat das Pferd häufig hinten kürzer, während es auf der Vorhand lief.

Der Guerinieresitz bewirkt das Gegenteil: durch die aufrecht stehende, minmal supinierte Zügelfaust und die meist stärkere Supination der Gertenhand werden die Schultern zurückgeführt, der Brustkorb öffnet sich nach vorn, die BWS und LWS richten sich auf und die HWS wird ebenso physiologisch gestellt: Man kann den Kopf ermüdungsfrei aufrecht tragen. Die Abkippung des Beckens kommt in eine neutrale, aufrechte Lage, weder versammelnd nach hinten, noch zulegend nach vorn gekippt.



 

 

 

Update 19.10.16:


Endlich geht es in großen Schritten voran: nach vielen Jahren mühsamen Rumdümpelns auf der Vorhand gibt es nun in jeder Woche einen deutlichen Fortschritt: war Paco früher „stätig“(= sich zurückhaltend) und sehr „triebig“ (musste dauernd sehr stark getrieben werden), was zu einem dauernd klopfendem Schenkel führte, gehen er und Picasso heute meist sehr viel leichter und in einem frischen Tempo, ein gelegentliches leichtes Treiben mit der Gerte genügt, wenn der Pinky-Push nicht ausreichen sollte. (Picasso hatte ja durch diesen zurückhaltenden Sitz sogar die Angewohnheit, beim Angaloppieren im Terre-a-Terre zu beginnen und sich dann von mir in einen ordentlichen Feldgalopp schieben zu lassen!).

Alles bisher Gelernte lässt sich nun wunderbar integrieren, und, auch für mich noch unglaublich: ich kann Paco jetzt im Fellsattel ohne Bügel und Zügel, nur mit Gertenlenkung und supinierten Händen in der Halle ganze Bahn und auf dem Zirkel ruhig und gleichmäßig galoppieren, freihändig also! Ohne mit den zur Seite komplett weg gehaltenen Beinen in irgendeiner Weise zu klemmen, nur auf meine Sitzbeinen Kontakt mit dem Pferderücken zu haben, in völlig ausbalanciertem Gleichgewicht: ein wunderbares Gefühl!

Seit 10 Tagen reite ich ohne Sporen (zum ersten Mal nach 10 Jahren!) und merke erst jetzt, welchen negativen Einfluss ihr Einsatz auf den Takt und die fließende Bewegung des Pferdes hatte.

Zum Testen der Anleitung Eisenbergs zum Erzielen des Schulterhereins habe ich jetzt wieder den Kappzaum zur Kandare dazugenommen. Eisenberg zieht den inneren Kappzaumzügel an (bei losen Kandarenzügeln) und bringt damit den Kopf nach innen, dann schiebt er diese Hand auf die äußere Seite des Widerrists (erzeugt so einen um sich herum biegenden Zügel). Bei Bedarf nutzt er den äußeren Kappzaumzügel als von sich wegschiebenden Zügel (den Hals und die Schulter des Pferdes nach innen schiebend) wenn die Sitzhilfe allein nicht ausreicht. Mit supinierten Händen geht das alles verblüffend leicht und wunderbar präzise!

Bei 1:3 bzw. 3:1 Zügelführung ergibt sich dann das Problem, dass man sich entscheiden muss, was man mit der Gertenhand tun möchte: entweder die Gerte parallel zum Hals einsetzen (führt zum Lockerlassen des Gertenhandzügels) oder diesen Zügel benutzen (dann ist die Gerte nicht voll einsetzbar).

Dieses Problem umgeht man mit 0:4 bzw. 4:0 Zügelführung: auch hierbei kann man o.g. Schulterhereinmanöver zuverlässig ausführen und hat dabei eine volle Einsatzfähigkeit der Gerte.

Zum Geraderichten beim Geradeausreiten im Gelände eine wunderbar hilfreiche Lektion!




25.10.16. Entdeckung des Tages: Pinky-Push Blockaden gefunden:

Bei der Zügelführung 1:3 oder 3:1 wird bisher empfohlen, den einzelnen Zügel der Gertenhand zwischen dem 4. und dem 5. Finger zu führen.  Jetzt ist mir aufgefallen, dass dies ein Zurückziehen des Bauches bewirkt, genau das Gegenteil der Pinky-Push-Wirkung! Möchte man dies vermeiden, muss man auch auf der Gertenseite den Zügel um den 5. Finger laufen lassen, denn dann passiert das nicht! (Ich hatte mir schon länger Gedanken gemacht, warum beim Englischreiten (mit der dabei meist üblichen aufrechten Haltung der Zügelfäuste wie bei der Grundstellung des Guerinieresitzes) der Pinky Push nie gefunden wurde: nun haben wir die Antwort darauf!).

Auch der Pinky-Push der Zügelhand wird mit 3 Zügeln schwieriger, weil er seine volle Wirkung nur entfaltet, wenn man auch den 4. Finger bewusst nach vorn mitschiebt.


26.10.16: Zwei weitere Pinky-Push Blockaden entdeckt:


Fasst man die Gerte (Fleck Dressurgerte) so, wie ich es bisher gewohnt war, indem man die untere Olive in der Faust hält, wird der Pinky-Push stark behindert: man muss die Hand also etwas höher zwischen den beiden Holzoliven am dünnen Schaft positionieren.

Ausserdem darf man den Daumen nicht aufrecht gegen den Gertenschaft drücken: das schadet genauso; man darf den Daumen nur auf den Kappzaumzügel legen!

Resultat: Die Gertenhaltung wird etwas schwammiger (man hält den Gertenschaft wie einen Blumenstrauß), dafür ist nun das Zulegen durch den Pinky-Push der Gertenhand seitengleicher und effektiver (die Gerte kommt nun allerdings dabei der Mitte der Reiterstirn etwas näher!).



31.11.2016: Tipps für Mitforscher:

Pinky-Push und Pinky-Pull: biomechanische Zusammenhänge


Wer mithelfen möchte, die Zusammenhänge (z.B. mit der kostenlosen Iphone-App „Muskelapparat 3D Lite“) zu untersuchen, ist gut beraten, folgende Begriffe zu kennen:

Abduktion: Bewegung weg vom Körper(-zentrum):wie in: abspreizen,

Adduktion: Bewegung hin zum Körper(-zentrum):wie in: Adverb,

Flexion: Biegung,

Extension:Streckung,

antero- : nach vorn,

retro-: nach hinten,

carpi: der Hand zugehörig.


Für das Verstehen der möglichen Bewegungen in der Erläuterung zu den Muskeln in der iPhone App muss man wissen, worauf sich „weg von“ und „hin zu“ sowie „Abduktion“ / „Adduktion“ beziehen und dazu braucht man das Verständnis der Neutral-Null-Methode.

Die Neutral-Null-Methode wird international benutzt, um Einschränkungen der Beweglichkeit zu dokumentieren, und diese in Grad-Zahlen eindeutig zu beschreiben: der Name bezieht sich auf die festgelegte Referenzstellung aller menschlichen Gelenke, die den Wert Null zugeschrieben bekommt.

Jede Abweichung wird in plus- oder minus-Gradzahlenwerten angegeben. Schaut man sich das Bild auf Wikipedia an, sieht man, dass die Hände hierbei in maximaler Supination dargestellt sind, obwohl sie ja eigentlich in Ruhestellung „an der Hosennaht“ liegen würden. Diese abweichende NN-Referenzstellung ist notwendig, damit man dem Handgelenk eine Abduktion und eine Adduktion zuweisen kann.

https://de.wikipedia.org/wiki/Neutral-Null-Methode

(Für die aufrecht stehende Faust im Gueriniere-Sitz wäre also -90° Supination die korrekte NN-Beschreibung).



 

 

Für uns ist es allerdings besser,  die Guerinieresitz-Grundstellung (aufrecht stehende Faust) als Basis (0°) bezeichnen, von der aus eine Pronation von 1° bis 90° und zur anderen Seite eine Supination von 1° bis 90° möglich sind (damit entfält eine minus-Gradangabe).

Beispiel 1, einhändige Zügelführung links: beim geraden Geradeausreiten ohne Zulegen (Reiterbecken in Mittelpositur) wird die (linke) Zügelfaust in 10°Supination gehalten, die (rechte) Gertenfaust z.B. in 50° Supination.

Beispiel 2, einhändige Zügelführung links: zum Zulegen beim geraden Geradeausreiten mit Pinky Push (Reiterbecken nach vorn gekippt) werden beide Hände in 0° gehalten.

Beispiel 3, einhändige Zügelführung links: zum Abwenden nach links wird die Zügelfaust für wenige Sekunden in eine Pronation von 80° gebracht.



Zur Zeit vermute ich folgende Zusammenhänge: der Pinky-Push wird eingeleitet durch ein radiales Anwinkeln im Handgelenk (Abduktion des Handgelenks) durch Anspannen des radialen Handbeugemuskels sowie des radialen Handstreckmuskels. (musculus flexor carpi radialis und musculus extensor carpi radialis).

Die von uns angestrebte wirkungsvolle massive Ausführung wird erreicht durch ein starkes Anspannen der Gegenspieler: des ulnaren Handbeugemuskels und des ulnaren Handstreckmuskels (musculus flexor carpi ulnaris und musculus extensor carpi ulnaris).

Dadurch spannt sich reflektorisch der lange Kopf des m. triceps brachii an, der wiederum die Unterkante des Schulterblattes nach vorne unten zieht,  was die Rippen und damit die Brustwirbelsäule nach vorn drückt.

Dieses löst eine Abflachung der BWS-Biegung (Hypokyphose) aus, was wiederum zu einem Vorschieben der Lendenwirbelsäule und deren Überbiegung (Hyperlordose) führt. Diese Bewegung nun kippt das Reiterbecken weit nach vorn und bewirkt damit das Zulegen des Pferdes.

(Inwieweit hier auch der m. subscapularis mithilft, ist unklar, ebenso wie die Mitwirkung der anderen Oberarm-/Schulterblattmuskeln).

 

Der Pinky-Pull, die Gegenbewegung mit Zurückführen des Kleinfingers zum Einleiten der Versammlung führt dann über das Einziehen des Bauches durch Streckung der LWS zum Zurückkippen des Reiterbeckens. Er ist vermutlich deshalb etwas schwächer, weil das Nachlassen des Schulterblattdrucks geringer wirkt als das Eindrücken in die Rippen beim Pinky-Push.




 

Update 4.11.2016:

Unter den Reitkunstdarstellungen im Treppenturm des Schlosses Rosenborg (anzusehen im "Royal Danois", dem neuen Knabstrupperbuch von Bent Branderup) finden sich folgende Gemälde mit unterschiedlich starkem Pinky-Push der Gertenhand:

Passetemps im Terre-a-Terre,

Fanfaron in der Ballotade,

Pompeux in der Kapriole.


Den stärksten, sozusagen den "Pinky Push Maximus", nutzt der Reiter des Hengstes Pompeux für das Auslösen der Kapriole. (Leider bin ich noch nicht soweit, das selbst zu probieren.)


Es ist also sicher mehr als nur ein kleines Fünkchen Wahrheit an Bents These, dass die dänischen Pferde damals nicht zuletzt auch deshalb in aller Welt so begehrt waren, weil ihre Reiter sie mit dieser außergewöhnlichen Brillianz präsentieren konnten!

 

 

5.11.16.: Erkenntnis des Tages:

Schon Pluvinel hielt die Gerte fast immer im "Boquetgriff" (als hielte man einen Blumenstrauß).

Das Gegenteil, den "Anglergriff" (Daumen am Gertenschaft aufrecht aufgestellt zum Stabilisieren der Angel beim Auswerfen) nutzte ich häufig, um die Gerte zu stabilisieren.

Wie ich schon am 26.10.  herausgefunden habe, blockiert der Anglergriff den Pinky Push massiv. Heute nun habe ich bemerkt, dass man den Pinky Push (also das Reiterbecken nach vorn kippen) deutlich verstärken oder sogar ersetzen kann , wenn man den Daumen hinter der Gerte senkrecht stellt und mit ihm gegen den Schaft drückt!

Daraufhin habe ich nochmal den Anglergriff probiert und wieder festgestellt, dass dieser das Reiterbecken nach hinten kippen lässt (also die Versammlung unterstützt).

Die Rosenborgdarstellung des Hengstes Recompence bedeutet also, dass der Reiter in diesem Moment eine Versammlung einleitet, möglicherweise ist hier eine Schrittpassage dargestellt.

Auch zur Unterstützung der Levade des Hengstes Mars wird hier der Anglergriff eingesetzt.

Kein Wunder, dass Paco beim Angaloppieren früher sich fast immer in eine Courbette erhob (einmal sogar eine gesprungen war)  und auch Picasso immer im Terre-a-Terre ansprang: Ich saß nicht schwer nur auf der Vorhand durch die pronierten Hände und kippte dadurch mein Becken nach hinten, sondern drückte auch noch im Anglergriff massiv auf den Gertenschaft!

Darstellungen mit Anglergriff im "Royal Danois": Svan, Mars, Imperator, Tyrk, Recompence


 
Update 22.12.16 und 04.02.17:

Nachdem ich die Anleitung Eisenbergs für das Auslösen des Schulterhereins erfolgreich ausprobiert und teilweise in meine Hilfengebung eingebaut hatte, versuchte ich als nächstes, seine Art des Kruppehereins mit ca. 80° Abstellung zu erlernen: leider war das auf eine sanfte Weise nicht möglich und ich musste das Projekt nach 2 Tagen entnervt aufgeben.

Als ich daraufhin zufällig bei Gueriniere nachlas, entdeckte ich seinen scharfen Kommentar zu dieser Lektion, mit dem er auch große Reitmeister kritisierte, darunter Pluvinel, Newcastle (S.234), Eisenberg (S.38) und Ridinger (selbst für diese Größen der Reitkunst gilt also gelegentlich: "Nobody is perfect!"). (Siehe z.B. Branderup/Kern S.73 [hier wird seine Kritik nur auf das „Schulterheraus“ = „Konterschulterherein“ bezogen]).

Gut, dass ich (bzw. eigentlich meine Pferde) frühzeitig selbst erkannt hatte, wie gefährlich und schädlich diese Lektion ist!

  

Seitdem reite ich meistens Kruppeheraus  und habe begonnen, Guerinieres viel stärkeres Croupe-au-mure anzuwenden, das er selbst als Schenkelweichen mit Kopfstellung in die Bewegungsrichtung bezeichnet, mit einer Abstellung von ca. 80°. Beim längeren, jüngeren Picasso geht das gut voran, beim älteren, kürzeren Paco mit seinem kurzen, sehr starken Rücken ist es schon bedeutend schwerer!      

Diese Abstellung von 80° zur langen Wand (das entspricht 10° zur kurzen Wand, auf die man zugeht) taucht mit demselben Wert in vielen Übungen wieder auf: Gueriniere nutzt sie in der Traversale, im Karree, in der Demi-Volte und Pirouette.  

Das wichtigste Zeichen für ein gelungenes Croupe-au-mur ist, neben der Beibehaltung der genau gleichen Abstellung, wenn das Pferd das äußere Vorderbein in einem schönen Bogen über das innere führt, denn das geht nicht, wenn es auf den Schultern liegt. Keinesfalls darf das innere Vorderbein einen großen, spektakulären Ausfallschritt machen, weil es damit auf die Vorhand kommt und obendrein häufig die Hinterhand verliert, sodass diese aus- und das Pferd auseinanderfällt. Es würden die drei wichtigsten Ziele dieser Übung verfehlt: Das Aufrichten der Vorhand, das vermehrte Untertreten der Hinterbeine und die Vorbereitung auf den Seitwärtsgalopp in genau derselben Haltung und Abstellung. Ich meine, schon nach 10maliger Anwendung eine deutliche Zunahme der Schulterfreiheit des Pferdes zu fühlen.

Kruppeherein wende ich an der Wand nur noch selten an, und wenn, dann mit mindestens 2m Abstand des Pferdekopfes zur Wand, wie es de la Broue und Gueriniere (für Ausnahmen) gerade noch als zulässig ansehen.




Update 08.01.2017:

 Hält man die Fleck Dressurgerte zwischen den Oliven, ergibt sich ein viel zu langer Überstand nach unten.  Gueriniere empfiehlt ja ohnehin, das Ende der Gerte in der Faust verschwinden zu lassen.  Beim Umstieg auf eine Naturgerte habe ich heute festgestellt, dass sich auch hierbei eine Pinky-Push Blockade ergeben kann, wenn die Gerte mittig in der Handfläche endet (so wie oben beschrieben bei der Olive); man muß also das Gertenende tiefer, auf dem Kleinfingerballen, abstützen, wenn man den Pinky Push nutzen will. Ich nenne diese Gertenhaltung Semi-Bouquetgriff (Gertenende verschwindet in der aufrecht stehenden Faust).





28. Jan. 2017: 400 Jahre alte Bestätigung entdeckt



Beim heutigen Stöbern im de la Broue fand ich  heraus, dass er (anscheinend als einziger der alten Meister) einen direkten Zusammenhang zwischen einem eingezogenen Bauch und dem Einrollen der Schultern beschrieb: der Reitersitz solle: "den Reiterbauch etwas vortreten lassen(d), damit die Schultern nicht gewölbt werden" ("L'estomac un peu avancé pour ne paroistre avoir les epaules voultees").

 


 

 

Je älter der Mensch ist, desto häufiger tritt ein Rundrücken auf. Das bedeutet, es hat sich eine Hyperkyphose des oberen Teils der Brustwirbelsäule (eine Art runder Buckel) gebildet, die zu einem Hochrutschen der Schulterblätter führt und mit den permanent eingerollten, nach vorn gekommenen Schultern verhindert, dass die Schwingungen im Reiterrücken absorbiert werden.

In diesem Falle kommt der Pinky-Push nicht oder nur minimal durch: der Reiter muss daher versuchen, aktiv den Bauch vorzuschieben um sein Becken aktiv nach vorn zu kippen, wenn das Pferd zulegen soll. Außerdem muss er teilweise den Oberkörper weiter nach hinten halten, auch um ein Vorfallen seines Kopfes zu minimieren.

Die Supinationshaltung der Hände bringt beim ausgeprägten Rundrücken ebenfalls nicht den maximalen, aber trotzdem einen spürbaren Effekt.

Jeder Mensch muss ständig auf eine gute Körperhaltung achten und sich mindestens 50x am Tag korrigieren: beim Gehen, Liegen,Stehen, Sitzen, am Schreibtisch, am Rechner (Vertikalmaus), beim Autofahren,etc.

Die Bundeskanzlerin weiß das auch: die Merkel-Raute läßt sie nicht nur gut dastehen, sondern ist gleichzeitig eine aufrichtende KG-Übung.

Es gibt sehr gute Yoga-, KG-, Atemgymnastikübungen im Internet, um dagegen an zu wirken und die Dehnung der stark verkürzten Bauchmuskeln und die Straffung der Rückenmuskeln zu ermöglichen.

2/3 aller Betroffenen spüren zunächst viele Jahre lang keinerlei Schmerzen, so ist ihr Leidensdruck gering.Vielleicht wirkt hier ja der Wunsch nach einem guten Reitersitz als „Kandare mit aufrichtender Wirkung“?

 




 


Update 05.02.17:


Inzwischen ist mir klargeworden, dass die Supination der Gertenhand nicht nur den Zweck erfüllt, den Reiterbauch etwas vortreten zu lassen, sondern auch durch die Aufhebung der Daumendruckeinwirkung auf die Stellung des Reiterbeckens vorteilhaft ist: er liegt hier zwar manchmal genauso längs der Gertenschaftes wie beim Anglergriff, kann aber durch die Drehung der Handfläche nur zur Seite einwirken. So passiert nichts, wenn der Reiter mal klemmig wird und den Daumen andrückt.





Update 19.02.17:


Nicht nur die Supination der Gertenhand neutralisiert den Pressdaumen: ebenso wichtig ist eine starke Streckung des Zeigefingers längs des Gertenschaftes: ich nehme an, dass die Streck- oder die Beugesehne des Zeigefingers den Oberarmmuskel blockiert, der ansonsten das Vorschieben des Schulterblattunterrandes (und damit die Kippung des Reiterbeckens nach hinten) auslösen würde.

Wenn der Reiter dies weiß, hat er einen vorzüglichen zusätzlichen Anreiz, auf die korrekte Handhaltung zu achten: bei mir ist z.B. das Croupe-au-mur nach links im Linkshändersitz besonders schwierig: wie wohl die meisten, habe ich zunächst den Gueriniere-Sitz im Rechtshändersitz trainiert, und erst nach Monaten auch im Linkshändersitz, so dass letzterer immer eher der weniger geübte ist. Dazu kommt, dass Picassos schlechter biegsame Seite die linke ist.

Mein Sitz fällt also hierbei besonders schnell auseinander und ich werde klemmig mit der Folge, dass das Pferd im Croupe-au-mur rückwärts gehen will. Hier stört ein einwirkender Pressdaumen massiv: wenn mir das bewusst wird und ich den linken Zeigefinger stark strecke, das das testweise seitliche Andrücken des Daumens an die Gerte keinerlei Muskelbewegung in meinem Rücken erzeugt, kann ich wesentlich besser korrigierend einwirken: es kommt zu einer spürbaren Erleichterung!

Wenn ich nun die Gertenfaust (jetzt die linke) eine Fausthöhe tiefer stelle und den linken Kandarenzügel in den kleinen Finger einhake, wirkt dieser mit einer bisher ungeahnten Leichtigkeit und Präzision ein, und ich kann ihn ebenso leicht durchhängend einsetzen wie beim einhändigen Reiten!

 

 




Update 02.03.17: Neue Bezeichnungen erforderlich!

 

 

Wenn der Reiter keinen symmetrischen Sitz benutzt und immer wieder die Sitzweise wechselt, verlieren „rechts“ und „links“ ihren eindeutigen Bezug, es sei denn, man möchte immer dazusetzen: „im Linkshändersitz“/“Rechtshändersitz“.

Deshalb benutze ich jetzt folgende, eindeutige Begriffe:

  • - die „Gertenhand“, bzw. die „Zügelhand“;

  • - für die Bahnrichtung: „auf der Zügelhand reiten“/ „auf der Gertenhand reiten“;

  • - für die Zügel: „Gertenhandzügel“ oder „Gertenzügel“ / “Zügelhandzügel“;

  • - für den Gerteneinsatz: „von der Gerte weg gebogen“ (= Gerte parallel zum Pferdehals);  „zur Gertenhand gebogen“(= Gerte gekreuzt über den Mähnenkamm), oder „zur Zügelhand gebogen“;

Sauniers Handhaltung weicht etwas von Guerinieres ab, die Beschreibung wäre dann:

  • Ist das Pferd zur Gertenhand gebogen, wird die Gertenhand immer tiefer gehalten, um im Bedarfsfalle mit dem kleinen Finger in den Gertenzügel greifen zu können.

  • Ist das Pferd zur Zügelhand hin gebogen, wird diese tiefer gestellt.

  • Im Geradeaus ohne Biegung werden beide Hände in gleicher Höhe, dicht beieinander, gehalten.

  •  




 



Zwischenbilanz 02.März 2017:


Ein Jahr ist nun vergangen, seit ich die ersten zaghaften Versuche in Richtung Guerinieresitz unternahm; er hat mich zunehmend fasziniert und ich habe seitdem folgendes gelernt:

 

 

Mein anfängliches Ziel, die rechte Hand immer tief zu stellen, hat sich für die Linksstellung und das Gerade-Gerade nicht bewährt: nur in der Gertenhandbiegung wandert sie nicht von selbst hoch., ist das Pferd aber anders gebogen, behindert sie nur.

  1. Das Ziel: „Hände nie in Pronation“ hat sich sehr bewährt! Bald musste ich das „nie“ allerdings etwas einschränken: man muss ja die Zügelhand auf 90° pronieren, wenn man eine Wendung zur Zügelhandseite einleiten möchte.

  2. Das Ziel „Der Daumen der Zügelhand zeigt immer nach vorn“ hat sich als sehr gut herausgestellt (leichte Abweichungen, bei denen er etwas (bis 20°) zur Gertenhandseite zeigt, schmälern m.E. den Wert dieser Grundregel nicht.

  3. Meine Entdeckung des Pinky-Pushes in diesem Forschungsjahr ist mein ganzer Stolz und war nur möglich durch den Wechsel von der pronierten zur vorwiegend supinierten Handhaltung. Ich halte ihn für einen großen Schritt vorwärts und hoffe, damit meinen Einsatz von Sporen ganz oder wenigstens zu 90% abschaffen zu können, ganz im Sinne des alten, von Newcastle zitierten Sprichwortes, : “Ein freies Pferd braucht keine Sporen!“

  4. Die dritte Säule meines Gueriniere-Sitzes sollten die nach vorn gehaltenen Beine sein. Dies stellte sich anfangs sehr schwierig dar, wurde aber mit dem Einsatz des Pinky-Pushs wesentlich leichter. Die Formulierung  "Der Reiter soll seine Beine in der Regel „vor dem Pferd“ haben, entstand zwar zunächst durch einen Übersetzungsfehler bei meiner mühseligen Wort-für-Wort Übersetzung des Broues, ich behalte diese Formulierung aber bei, da sie sehr gut mein Sitzgefühl wiedergibt. Durch diese Beinhaltung hat sich meine Sitzeinwirkung und Haltung wesentlich verbessert.

  5. Seit ich herausfand, wie der Pressdaumen wirkt, habe ich sehr lange nur an der Vermeidung dieser versammelnden Wirkung gearbeitet. Mit dem entlang der Gerte ausgestreckten Zeigefinger gelingt das nun sehr gut und ich habe vor kurzem sogar damit begonnen, den Pressdaumen ggf. mal  gezielt einzusetzen.







Update 14.03.17: Der "vorgeschobene Unterhals" als Qualitätsmerkmal bei Gueriniere


 

 

Durch die Beschäftigung mit dem Croupe-au-mure bin ich auf die zahlreichen Bilder bei Gueriniere gestoßen, in denen ein sogenannter "vorgeschobener Unterhals" des Pferdes erscheint. Nun habe ich bis heute, wie die meisten von uns, geglaubt, dies sei ein sicheres Zeichen für einen weggedrückten Rücken. Wir kennen die Bilder des falschen spanischen Schritts mit vorn hoch heraustretenden Vorderbeinen und einer nachschleppenden Hinterhand, der ein Nach-oben-Kippen des Pferdebeckens und weit nach hinten raustretende Hinterbeine mit sich bringt: dies führt zu einem Senkrücken und kissing spines. Bei Gueriniere aber werden die Hinterbeine weit nach vorn untergesetzt, das Pferdebecken kippt nach unten und der Rücken wölbt sich auf: hier sollte gar kein Senkrücken möglich sein!

Der bei ihm sichtbare Unterhals, bedeutet, dass die Vorhand maximal aufgerichtet ist, und das Gewicht der Vorhand dadurch soweit wie möglich nach hinten auf die Hinterbeine verlagert wird: die Vorhand wird frei (von Gewicht) und damit viel freier, sich zu bewegen!

Besieht man in diesem Lichte die Bilder auf der Fundstücke-Seite, wird deutlich, dass häufig ein leicht sichtbarer Unterhals bei den bestgerittenen Pferden ihrer Zeit stolz abgebildet wird.

 

 

 

 





 

Update 22.03.:

In der letzten Woche haben mich meine Pferde belehrt, dass ein zu sehr nach hinten genommener Oberhals und Kopf des Pferdes tatsächlich den Rücken absenken läßt: so muss ich den Versammlungsgradienten zunächst deutlich auf einen kleineren Bereich relativieren. Wenn es möglich ist, würde ich ihn gern demnächst mit einer PC-gestützten Video- und Auswertungssoftware bestätigen und so die Grenzen von beginnender "Anti-Versammlung" durch Voneinander-weg-Streben von Hinterhand und Vorhand auf der einen Seite, und einem zu weit nach hinten kommenden Oberhals auf der anderen Seite festlegen. Bis dahin kann ich weiter nur versuchen, mich auf mein Sitzgefühl zu verlassen, um rechtzeitig ein Absenken des Rückens zu erkennen.






 Aufrichtungswinkel


Mein Eindruck ist, dass die alten Meister den Oberhals nur bis zur Senkrechten auf der Körperachse zurücknahmen, alles dahinter aber als schädlich betrachteten. So ist der sichtbare Unterhals wohl nur dann als Anzeichen für einen Fehler anzusehen, wenn der Oberhals hinter diese Senkrechte zurückgeführt wird.

Als Definition dieses Aufrichtungswinkels würde ich daher formulieren: Winkel der vorderen Halskante zur Körperlängsachse.

Maximale gute Aufrichtung mit sichtbarem Unterhals:


 

 

 

 
 

 


 

 

        


 

 


 

weggedrückter Rücken:


 

In der Skizze von Pablo Picasso entsteht der weggedrückte Rücken durch „Anti-Versammlung“, bei der Vorder- und Hinterbeine auseinanderstreben, hierbei entsteht ein Senkrücken, der eine starke Einschränkung der Tragkraft mit sich bringt.

 


 

zu weit zurückgeführter Oberhals:

  


 

Bei dem Lecomte Hippolyte und bei der indischen Schulparade dagegen tritt der zweite große Fehler beim Versammeln auf: der Oberhals wird zu weit nach hinten geführt.





Versammlungsgradient


 

 

Der Aufrichtungswinkel allein sagt noch nichts über das Ausmaß der Versammlung aus, denn zu dieser gehört auch die vermehrte Lastaufnahme der Hinterhand.

Am stehenden, hochversammelten Pferd kann man besonders gut sehen und messen, worauf es Broue, Newcastle, Gueriniere und Saunier ankommt, daraus habe ich den Versammlungsgradienten entwickelt: zieht man vom Höhepunkt des Nackens, dem Atlantoaxialgelenk, eine gerade Linie zum am weitesten hinten stehenden Hinterhuf (der die meiste Last trägt), ist diese Linie umso weniger geneigt, je dichter diese Punkte beieinander liegen. Dieser Gradient (= Steigung oder Neigungswinkel) ist bei den Pferden von vielen Dingen abhängig: vom Rahmentypen, von der Halsform, von der Stärke und Art der Hankenbiegung, aber auch von der Lektion: Schulparade und Courbette (Levade) auf der Stelle, Piaffe, Trabpassage, Schrittpassage in Bewegung usw. und ist nur anwendbar, wenn a) keine Anti-Versammlung stattfindet und b) der Aufrichtungswinkel zur Körperachse 90° nicht überschreitet.

In der Schulparade kann man sehr gut beobachten, wie die Schulterfreiheit (von Gewicht) mit dem Steilerwerden des Versammlungsgradienten zunimmt: in der gebogenen Schulparade wird zunächst eine Schulter ganz von Gewicht befreit und dieser Vorderhuf hebt als erster vom Boden ab, und erst wenn das komplette Pferdegewicht auf den Hinterbeinen liegt, folgt das Abheben des anderen Vorderhufes.


Gemessene Werte: Die meisten Pferde auf der Fundstücke-Seite stehen im Quadrattyp, deshalb gebe ich im Folgenden keinen Rahmentypen an! Alle Werte nur Annäherungswerte, da die Pferde häufig etwas seitlich dargestellt wurden! ).

 



 

 




 

 

Die griechische Schulparadenstatue hat einen Versammlungsgradienten von ungefähr 70°,

Der Sarazene aus der neapol. Krippe hält sein Pferd in einem Versammlungsgradienten von 69°,

römischer Siegelstein: 65°

Etude pour la course des Barberi: zum vorderen,belasteten Hinterfuß: 72°

Vendome: 68°

Reiterin im Bois de Bologne: 62°

Die mesopotamische Schulparade: 58°,

Napoleon auf dem Schimmel: 59°

Schulparade im Parthenonfries: 70°


La Broue,Newcastle, Gueriniere und Saunier benutzen einen hohen Aufrichtungswinkel und einen steilen Versammlungsgradienten zur Entlastung der Vorhand in vielen Lektionen: z.B. im Schulterherein, Croupe-au-mure sowie für die Traversale in der Pasege (und Passage?) und in der Demi-Volte.


Vielleicht werden wir irgendwann erkennen, dass ein bestimmter Versammlungsgradient (z.B. die 80° der unten abgebildeten Courbette) die Grundlage für ein ermüdungsarmes Hüpfen in Courbetten ist?

 




Ideale Courbette nach rechts bei Gueriniere.






Update 12.April 2017


Habe gestern bei La Broue gelesen, dass für einen korrekten 80°-Seitwärtsgang die Voraussetzung ist, dass Rumpf und Hals des Pferdes nicht gebogen werden. Jetzt ist mir klargeworden, warum Saunier das Tieferstellen der inneren Hand damit begründet, dass nur der Kopf gestellt werden soll : er verhindert damit einen „um sich herum biegenden, inneren Zügel“!

Auch Gueriniere schreibt, dass für den Seitwärtsgang Rumpf und Schultern gerade bleiben sollen!

Damit habe ich das Rätsel der Handhaltung Guerinieres nun vielleicht komplett gelöst!

  1. Stellt er die Gertenhand tief, damit der innere Zügel den Pferdehals so wenig wie möglich berührt, um beim Stellen des Kopfes (mit dem inneren Zügel der Trensenkandare) möglichst wenig Halsbiegung auszulösen,

  2. supiniert er die Hand, um einen erhabenen, aufrechten und freien Sitz zu erhalten.

  3. streckt er den Zeigefinger längs des Gertenschaftes aus, um nicht versehentlich einen Pressdaumen einwirken zu lassen.







Update 16.April 2017/09. Mai 2017:

Nach viermonatigem Einüben des 80°-Seitwärts-Schrittes als Croupe-au-mure (Gueriniere fordert hierzu, die äußere Schulter des Pferdes auf einer Linie mit seiner inneren Hüfte zu halten), im Renvers-Karree (mit Vorhandwendungen in den Ecken) und Normal-Karree (Kruppe zur Mitte, mit Hinterhandwendungen in den Ecken) und gelegentlichen Versuchen, im Gelände dieselbe Abstellung im Seitwärtsgalopp zu erhalten, ist mir heute erstmals gelungen, bei einer Trabpassade die im 80°-Seitwärts-Schritt begonnene Demi-Volte mit zwei Terre-a-Terre Sprüngen zu schließen. Broue nennt diesen Seitwärtsgalopp am Ende der Demi-Volte „Terre-a-Terre“; (siehe Band 2, S.43).

Newcastle sieht den diagonalisierten Schritt als Ergebnis des Seitwärtsgangs (bei ihm z.B. als Travers mit der Kruppe zum Pilaren, der dieselbe Abstellung von ca. 80° hat wie Guerinieres Croupe-au-mure, und die beim ihm die Bezeichnung "halbe Schulter vor" hat). Er sagt, wenn die Vorderbeine kreuzen, greift das innere Hinterbein aus, und wenn die Hinterbeine kreuzen, greift das innere Vorderbein aus: das ist dann eine Trabaktion (= diagonalisierter Zweitakt).“ 

Er schreibt auch über das 80°-Seitwärts: "wenn die Vorderbeine kreuzen, wird die Vorhand eng, und gleichzeitig die Hinterhand weit durch das Ausgreifen des inneren Hinterhufes. Wenn dagegen die Hinterbeine kreuzen, wird die Hinterhand eng, und gleichzeitig die Vorhand weit durch das Ausgreifen des inneren Vorderbeines. So ist das Pferd im 80°-Seitwärts immer in einem halben Terre-a-Terre: dem Terre-a-Terre der Hinterhand, wenn diese weit ist, und im anderen Moment im Terre-a-Terre der Vorhand, wenn letztere weit ist".








Update 23.04.2017:


Beim gestrigen Versuch, eine Traversale im Schritt zu reiten, ging mein Pferd wie selbstverständlich zunächst seitwärts: ich war völlig erstaunt! Aber kein Wunder nach monatelanger Seitwärts-Arbeit! So musste ich ihm nun explizit sagen, wie viel Vorwärts noch dazu kommen sollte! Dabei wurde mir klar, dass meine jahrelangen Trabtraversalenversuche im Arbeitstrab völlig falsch gedacht gewesen waren!


Es fällt mir sehr schwer, von der heute üblichen, raumgreifenden Trabtraversale (eher auf der Vorhand) umzudenken auf eine Seitwärts-Schritt-Traversale mit sehr hoher Aufrichtung und auf der Hinterhand!

Wenn Gueriniere beim Wechsel durch die Bahn auf zwei Hufschlägen davon spricht, dass La Broue sagt, der Reiter müsse sehr sorgfältig das Übertreten des äußeren Vorderbeines über das innere in einem bestimmten Moment unterstützen, erinnert mich das nun an die Art, wie ich im Seitwärts-Schritt mein Pferd zu unterstützen versuche.

Jetzt mach ich lieber eine steile, aber kürzere Seitwärts-Schritt-Traversale, da ich von früher her immer noch viel zu ungeduldig bin, den Wechsel zu beenden... Außerdem gelingt im Seitwärts-Schritt der Wechsel durch Umkehrung der Schultern viel besser.










Update 29.04.17:


Seit ich Sauniers Bezeichnung „Schrittpassage“ fand, vermutete ich, dass mit Passage, die in einigen Texten nur Königen und Fürsten erlaubt war, häufig gar nicht ein Schwebetrab, sondern die Schrittpassage gemeint war, und jetzt habe ich erstmals einen Text gefunden, der das bestätigt: in ihrem Kapitel „ Über das Geradeaus-Passegieren und wann und wo es anzuwenden ist“, schreiben

N. & L. Santa Paulina (1696)im L'Arte de cavallo, S.96:


"Es gibt vier Arten, ein Pferd zu passegieren.... 

Man kann im Schritt passegieren, das bedeutet, dass es wie im Trabe die Hinterbeine und die Vorderbeine anhebt, aber nicht in ganz exakt demselben Moment wie im Trab, sondern mit einer unspürbaren Pause vor der Bewegung des anderen Beines,  das Pferd hebt das Vorderbein höher als das Hinterbein, und wenn das andere (Paar) in gleicher Höhe gehoben wird, spricht man hier von der Passegio, die, auch wenn sie nicht so anmutig ist wie im Trabe, trotzdem majestätisch und angebracht für einen Fürsten ist.“


Die Schrittpassage geradeaus wurde also auch von hochgestellten, mächtigen Personen angewendet.









Update 11.Mai 2017:


Reitet man das Pferd auf einem Karree auf einem Hufschlag (geradeaus) in einem sehr ruhigen, gleichmäßigen, kadenzierten Trab, der dem Schwebetrab zumindest nahekommt, muss man in den Ecken vor dem Abwenden eine halbe Parade geben, um dann das Pferd in diesem, nun noch mehr verkürzten Trab, der einer Piaffe nahekommt, wenden zu lassen.

Diese 1/4-Pirouette in der Piaffe ist eine Mittelhandwendung.

 





Update 14.Mai 17:


Das Üben der Trabpassade lohnt sich: gestern habe ich mit Paco zum ersten Mal auf einer Wiese im Gelände einen Seitenwechsel im Terre-a-Terre geritten:

Drei Seitwärts-Terre-a-Terre Sprünge nach links, und durch einfaches Umlegen der Gerte auf die andere Seite, ohne Unterbrechung, weiter im Seitwärts-Terre-a-Terre drei Sprünge nach rechts, und dann fulminant vorwärts in einer schönen Carriere und fünf Sprünge im gestreckten Galopp!

Die Carriere war immer schon ein wichtiges Ziel für mich, aber da ich mit pronierten Händen und vorfallendem Kopf meinem Pferd auf der Vorhand hing, kam es immer wieder nur zu einem „Hochstart“ in ein Mezair, den ich dann umschieben musste in einen Vorwärtsgalopp ( unwissend nannte ich diese Demi-Courbetten damals Steigen oder Stätigkeit).

Die Trabpassade beginne ich z. Zt. in einem frischen Trab an der langen Seite für ca. 5 Pferdelängen, beende diesen mit einer starken Parade (nur aus dem Sitz, mit Stimme, Oberschenkeleinwirkung und kaum Kandarenanzug) und reite, ohne das Pferd stehen zu lassen, gleich die eckige Demi-Volte im 80°-Travers-Schritt, um bei der Rückkehr an der Wand wieder im Trab loszustürmen.










Update 21.Mai 2017:


Nachdem ich vor einigen Tagen ein paar schöne Terre-a-Terre Sprünge an der Hand erreicht habe, hat sich Paco heute im Croupe-au-mure an der Hand, nach einem versehentlich ausgelösten Terre-a-Terre Sprung rückwärts, beim nächsten so weit bremsen lassen, dass er nur die Hinterbeine vorsetzte, aber die Vorderbeine nicht vom Boden abhob: so stand er mit einer sehr abgesenkten Kruppe da und ließ sich sogar dazu bewegen,daraus 2 Schritte im Seitwärts mit dieser starken Absenkung zu machen; vielleicht wird das mein Weg , um einen starken Versammlungsgradienten im Seitwärts zu erreichen?

Mein Trainingsprogramm (in der Halle) beginnt immer mit der Schulparade an der Hand und weiter à la Gueriniere (zuerst allerdings in Handarbeit): Schulterherein (35°) im Schritt auf beiden Händen, dann Croupe-au-mure (80°) im Schritt auf beiden Händen, dann aufsitzen und Geraderichten im frischen Trab auf der Mittellinie durch die Länge der Bahn, dann wieder Schulterherein und Croupe-au-mure im Schritt, diesmal im Sattel.

Für den 80°-Seitwärtsgang platziere ich die Gerte wie in dem Holzschnitt bei Sébillet schräg nach vorn unten vor der inneren Schulter (am Boden führe ich das Pferd von außen).




Update 07.Juni 17:

Inzwischen ist mir klargeworden, dass ich beim Guerinieresitz nicht nur die Beine vor dem Pferd habe (manchmal nur sehr wenig, aber immer spürbar!), sondern auch meinen Bauch; und weil mein Oberkörper nicht mehr nach vorn geneigt ist, wird auch dieser vor der Bewegung des Pferdes gehalten: der Reiter fühlt sich getragen wie ein Schiff vor dem Wind! Jetzt nenne ich es: Der Reiter sitzt vor dem Pferd.

Rückblickend fühlt sich der alte Sitz dagegen an, als schiebe man eine Schubkarre vor sich her, die Reiterbeine und den Bauch hinten, den Oberkörper nach vorn und den Kopf nach vorn unten.






Update 07. Juli 2017:

Beim Erforschen des Fersenanhebens ist mir ein weiterer, wichtiger Vorteil des "Beine vor dem Pferd" aufgefallen: testet man nach langen Monaten wieder einmal das falsche Hochziehen der Fersen im herkömmlichen Sitz mit den "Beinen hinter dem Pferd", prallt der Reiter immer wieder mal gegen den vorderen Teil des Sattels/die Galerie: diese unangenehme Nebenwirkung des herkömmlichen Sitzes hatte ich inzwischen
schon ganz vergessen!






Update 24.Juli 2017


Nach der letzten Supervisionsstunde bei Marius ist mir klargeworden, dass Guerinieres Erfindung des Begriffes „Croupe-au-mure“ zwar wunderbar geeignet ist, das Seitwärts mit dem Kopf an der Wand zu unterbinden, aber den Nachteil hat, dass die Wand lang ist: Der Reiter tendiert sehr dazu, viel zu früh die gesamte Länge der Wand im Seitwärts reiten zu wollen.

Besser ist es wohl, den Ansatz La Broues zu verfolgen: nur ein bis zwei Schritte Schritte seitwärts (und diese kombiniert mit etwas Vorwärts) zu reiten und dann vier bis fünf Schritte geradeaus vorwärts, und dies über Wochen immer mehr zu steigern.





Da diese Übungen zunächst traversaleartig beginnenn, denkt man sich besser, wie immer in der Traversale, die beabsichtigte 80°-Abstellung zur Wand entlang der man sich bewegt (hier die kurze Seite der Bahn) besser als 10°-Abstellung zur Wand, auf die man sich zu bewegt (im Bild die  rechte Seite der Reitbahn).




 Update 12.08.17:

Während des Urlaubs hatte ich Muße, über Nestiers Schulparade in ihrer wunderbaren Leichtigkeit nachzudenken und diese Abbildung in Ruhe zu analysieren:.

Er nutzt den Guerinieresitz: die Zügelhand steht aufrecht mit nach vorn zeigendem Daumen (wohl mit ca. 10° minimal supiniert); die Gerte endet innerhalb der Hohlhand des Reiters.

Seine Beine hält der Reiter vor dem Pferd.

Zur Erzeugung der Schulparade zieht er die Schulterblätter etwas stärker zusammen und weiter nach unten, hierdurch wird das Brustbein des Reiters deutlich nach vorn geschoben;  er entlastet den mittleren Rücken des Pferdes durch leichtes Anheben der Ferse, und den oberen  Brustkorb des Pferdes durch den beidseitigen Bügeltritt welcher die Oberschenkel des Reiters öffnet. Mit der Zügelhand übt er einen leichten Pinky-Pull aus, was zum einem Abkippen des Reiterbeckens nach hinten führt. So wird der Reiterrücken zum Ebenbild des Pferderückens: Aufrichtung der Vorhand mit Abkippen des Beckens.

Er zeigt hier die spezielle, sehr schwierige Zügelführung zur Unterstützung der Rechtsbiegung beim noch nicht gut ausgebildeten Pferd: er führt den rechten Trensenkandarenzügel, wie 20 Jahre vorher von Gueriniere beschrieben, mit der tiefgestellten rechten Hand. (Ein Reiter, der erst seit wenigen Jahren akademisch reitet, sollte bei Problemen mit der Rechtsstellung seine Pferdes lieber in den Linkshändersitz wechseln, um weiter einhändig reiten zu können!)

 Erschwert wird die hierfür notwendige Präzision der Zügeleinwirkung noch durch eine Kandare mit sehr kurzem Unterbaum, die durch die Reduktion des Zügelwegs schon ein minimales Anziehen des Zügels einwirken lässt.

Abweichend von den Darstellungen in Guerinieres „Ecole de cavalerie“ hält er die Gerte abwärts (in Skistockposition) und führt den rechten Kandarenzügel zwischen Ring-und Mittelfinger. Die Gerte liegt am Oberschenkel an, um an der Gertenhand so wenig Pronation wie möglich zu erzeugen und der Hand etwas mehr Bewegungsfreiheit über dem Gertenende zu verschaffen. Diese Gertenhaltung erschwert ein Rechtsstellen noch zusätzlich, da die Gerte nun nicht mehr an der linken Halsseite, von sich weg biegend eingesetzt werden kann.

Das Seil, das als zweites Zügelpaar dient und gerade nicht benutzt wird, ist für eine normale Unterlegtrense zu hoch über dem Kandarenmundstück befestigt: ob es sich hier um eine ganz besondere Zäumung handelt, bleibt weiterhin unklar.

Die Schaumkette weist darauf hin, dass es sich um eine Trensenkandare handelt.



Mit freundlicher Genehmigung des British Museum








 

Update 01.Nov.2017:


Der stabile Guerinieresitz ermöglicht folgende sehr feine und leichte Hilfengebung zum Biegen des Pferdes:

Hält man die Gerte in der aufrechten Faust im Semi-Bouquetgriff (Gertenende verschwindet in der aufrecht stehenden Faust) mit einer Vorwärtsneigung der Gertenspitze von nur ca. 10°, wobei das Gertenende auf dem Kleinfingergrundglied abgestützt wird, kann man durch Beugen und Überstrecken im Handgelenk ganz fein dosiert eine Biegung auslösen.

Zu Beginn, um seinen eigenen Körper und und den des Pferdes zu sensibilisieren, beginnt man mit der stärksten Beugung/Streckung im Handgelenk: zur Biegung des Pferdes zur Gertenhandseite hin benutzt man eine Überstreckung und hält die Gertenhand hierbei weiter hinten als die Zügelhand. Möchte man z.B. im Rechtshändersitz (Gerte in der rechten Hand) ein Schulterherein nach rechts, dreht man die Faust so nach außen, dass eine maximale Überstreckung des Handgelenks entsteht: die Knöchel (MCP-Gelenke der Finger) zeigen ganz nach rechts; die Gertenhand steht weiter hinten als die Zügelhand, und der Reiter lässt es zu, dass sein linker Oberschenkel etwas mehr gegen den vorderen Teil des linken Sattelblattes drückt. Hierbei kommt die linke Reiterschulter etwas vor.

Möchte er in das Kruppeherein rechts wechseln, braucht er nur die linke Schulter etwas zurückzunehmen und den linken Oberschenkel etwas vom Sattelblatt zu entfernen, was den rechten Oberschenkel vermehrt gegen das Sattelblatt drückt und zu einer Drehung des Pferdes unter ihm ins Kruppeherein rechts führt.

Für die Biegung nach links (zur Zügelhandseite) führt er die Gertenfaust weiter nach vorn als die Zügelfaust, dreht sie aus der Überstreckung in eine starke Beugung, sodass die Fingerknöchel der Gertenfaust nun zur linken Seite zeigen und gestattet wieder für das Schulterherein dem rechten Oberschenkel ein leichtes Anlegen an den vorderen Teil des rechten Sattelblattes; für das Kruppeherein links dreht er wieder das Pferd unter sich.

Auch ein ganz weicher Wechsel aus dem Schulterherein rechts in ein Kruppeherein links ist sehr gut möglich.

Am besten üben kann man das auf einer langen Geraden, z.B. im Gelände, oder aber in einer großen Halle durch die Länge der Bahn (denn nur hier sind die Einwirkungen der Wände auf das Pferd gleich stark).

Dasselbe gilt natürlich spiegelbildlich für den Linkshändersitz.

Nach Erlangen des Gefühls für diese Hilfe und einiger Routine wird man feststellen, dass meist gar keine starke Drehung im Gertenhandgelenk mehr nötig ist, ja z.B. im Galopp sogar dazu führen kann, dass das Pferd sich durch diese sehr leichte Hilfe überfordert fühlt und mit dem Kopf schlägt, oder den Galopp abbricht! Hier lernt man dann schnell, mit wie wenig man auskommen kann, um ein Schulterherein oder Kruppeherein im Galopp zu erhalten.

Möchte man gleichzeitig einen Pinky-Push anwenden, muss man das Gertenende auf dem Endglied des Kleinfingers abstützen und diesen betont nach vorn schieben (dabei kommt die Gerte der Reiterstirn natürlich etwas näher).

Ein gerades Gerade ist dann zwischen diesen Hilfen, minimal angewendet, viel besser zu erreichen!

 





Update 4.Nov. 2017:

Erst gestern, beim Verfassen der schriftlichen Übersetzung des Kap.25 ist mir klargeworden, dass La Broue das Herüberbringen der Mähne auf die andere Seite auch medizinisch begründet: Es vermehre die Durchblutung der festen Halsseite; eine Lockerungsmöglichkeit verspannter Muskulatur durch Wärme ist ja seit dem Altertum bekannt!

Wie wohl die meisten Reiter nach Begreifen der Tatsache, dass die Mähne fast immer zur gut biegsamen Seite des Halses hängt, hatte ich vor Jahren schon versucht, ob es eine positive Wirkung erbringt, sie umzulegen: leider waren meine Pferde damit nicht einverstanden und schüttelten sich prompt solange, bis sie wieder an alter Stelle lag: jetzt aber, nach vielen Jahren Gymnastizierung lassen sie die Mähne liegen!

Eine vielleicht noch wichtigere Ursache für ein positives Ergebnis ist aber wohl die Reiterpsyche: jahrelang konditioniert, die schlechte Seite mehr zu beachten als die gute, passiert es mir nun, dass ich mich freue, dass sich die mähnenfreie Seite unerwartet so schön rund biegt, und verlange auf dieser Seite gar nicht mehr (es kommt viel weniger zum Überbiegen der guten Seite!), auf der Seite mit der Mähne dagegen gehe ich nun unbewusst davon aus, dass diese die gute ist und bin deshalb auch hier mit einer leichten Biegung zufrieden. Auf beiden Händen bin also häufig viel entspannter!

Da ich das Glück habe, dass beide Pferde unterschiedliche gute Seiten haben (Paco ist Linksträger und Picasso ist Rechtsträger) bin ich gewohnt beides zu bearbeiten: einen schlechtere Rittigkeit aufgrund „Linkshändigkeit“, wie früher abergläubisch unterstellt und von La Broue erwähnt, konnte ich nicht feststellen, vielleicht auch deshalb, weil wir ja heute auch den Linkshändersitz des Reiters zulassen und so alle Pferde gleich bearbeiten können.







Update 25.11.17:

Seit ich vor einigen Tagen das Kapitel 33 aus Band I des Cavalerice zur Vorbereitung meines La Broue Buches erstmals exakt übersetzte, trainiere ich die ganze Parade aus den schnellen Bewegungen nach seiner Art (allerdings nehme ich anstatt des Rückwärtsrichtens eine Schulparade, weil ich befürchte, dass das Pferd sonst nicht mehr zuverlässig unterscheiden kann, bzw. will, und dann das leichtere Rückwärtsgehen bevorzugt, wenn man eine Schulparade auslösen möchte). Dass diese heftige Parade das Pferd so ruhig lässt, hätte ich niemals erwartet: aber die 4-5 Schritte im stark versammelten Schritt, und die 3 folgenden Wendungen beruhigen das Gefühl des Pferdes völlig, und trotzdem spurtet es bei Anforderung sogleich wieder los. Diese Lektion führt jetzt schon zu einer Verbesserung aller anderen, so wie er es beschreibt, und die Pferde bekommen jedes Mal mehr Mut und Selbstvertrauen.







L'Arrêt avec le Cavesson (Die ganze Parade mit dem Kappzaum), Lithographie von Charles Motte, ca. 1830, nach Eisenberg


„Um die ganze Parade mit Anmut zu formen muss das Pferd die Hanken beugen, darf es nicht seitwärts übertreten und nicht gegen die Hand drücken, sondern seinen Kopf ruhig, die Halsung hoch und vor dem Reiter tragen. Bei jungen Pferden darf man die ganze Parade nicht zu kurz und zu plötzlich ausführen, um zu vermeiden, ihm die Sprunggelenke und das Maul zu ruinieren. Zum Einleiten muss der Reiter die Waden anlegen, um es zu animieren, er bringt seinen Körper nach hinten, stellt die Hände mit dem Kappzaum und den Zügeln höher, streckt danach kräftig die Knie und tritt in die Steigbügel mit Absenken der Gerte.“











30.11.2017

Beim Übersetzen des Kap. I, 34 musste ich gleich an dieses Bild aus Delft denken: dieser Reiter ist vielleicht durch den Cavalerice beeinflusst worden, die Hinterbeine breit zu stellen.




 Delfter Fliese, ca. 1650, der Reiter hat die Beine vor dem Pferd


 










18.12.2017: Die Beinhaltung: Zwischenbilanz nach 21 Monaten



Den Sitz des Kunstreiters hatte ich deshalb nach Gueriniere benannt, weil in dessen Buch sehr deutliche Abbildungen zu finden sind, die bei Grisone und La Broue leider fehlen; weil ich den Pluvinelsitz falsch finde und weil Newcastle m.E. allzu weit vorne sitzt.

Der Ausdruck „Beine vor dem Pferd“ fiel mir durch einen Übersetzungsunfall zu, und wird von mir seitdem gerne benutzt, weil er so treffend ist.

Ob man seine Beine vor dem Pferd hat, erkennt man daran, dass die Kraft, die man in die Steigbügel tritt, dann durch die ganze Länge des Reiterbeines in seine Wirbelsäule zieht, ohne dass der Reiter aus seinem Sitz kommt, auch nicht, wenn er dabei die Fersen hochzieht. Der musculus gastrocnemius (der hintere dicke Bauch des Wadenmuskels, der zusätzlich zum Anheben der Ferse eine Beugung im Kniegelenk auslösen würde) ist hierbei wenig oder nicht aktiviert, sondern nur der der davor liegende platte Wadenmuskel musculus soleus: der Reiter hat das Gefühl, nur die Seiten der Wade spannen an.

Sind die Beine dagegen hinter dem Pferd, wird diese Kraftlinie in Höhe der Knie völlig unterbrochen, und die Unterschenkel sind nur noch Anhängsel der Kniegelenke, der Reiter verliert deutlich Stabilität in Längsrichtung des Pferdes, aber auch Seitenstabilität, fällt nach vorn und prallt auch sehr häufig unangenehm gegen den vorderen Sattelrand: hierbei ist mehr der hintere dicke Teil des Wadenmuskels, mit dem man das Pferd antreibt, angespannt.


 



 

 


Delfter Fliese, ca 1790; der Reiter hat die Beine weit hinter dem Pferd


 


Eine mittlere Stellung habe ich noch nicht herausgefunden, es gibt anscheinend nur entweder vor oder hinter dem Pferd. Deshalb ist es mein Ziel, die Beine immer wieder sobald wie möglich vor dem Pferd zu halten, nachdem man sie kurzzeitig nach hinten verlagert hatte, entweder aus alter Gewohnheit (als Fehler) oder weil man sie weiter hinten als Hilfe eingesetzt hat.

Auch mit weit nach vorn gehaltenen Beinen kann diese Kraftlinie im Knie abbrechen, wenn man die Beine „über dem Pferd“ hält [siehe Marc Aurel und mesopotamische Schulparade], auch hier sind dann die Unterschenkel nur Anhängsel der Knie, hierbei haben allerdings die Füße kaum oder gar keinen Kontakt mit der Steigbügeltrittplatte mehr. Hierbei ist gar kein Muskel auf der Wadenrückseite angespannt. (Reitet man ganz ohne Steigbügel, kann man natürlich diese Kraftlinie gar nicht aufbauen, hierbei lässt man die Beine entweder gerade herabhängen oder aber hält sie über dem Pferd).

Wenn man die Beine vor dem Pferd hat, tritt man immer etwas in die Bügel, und wendet dabei Kräfte zwischen 20g und vielen Kilogramm auf, je nach Ziel.

Es ergibt sich dadurch ein wesentlich größeres Fundament für das Reitergleichgewicht als beim Englischsitz, man könnte es als Dreibein aus Gesäß und beiden Füßen bezeichnen: der Reiter steht und sitzt gleichzeitig, wie auf/an einem einbeinigen Stehhocker.

Ein sehr wichtiger Vorteil ist, dass der Reiter die Stöße, die der Pferderücken in der Bewegung durch das Reitergewicht erhält, ganz fein dosiert abfedern kann, je nach Anspannung des platten Wadenmuskels (M. Soleus).

Die Gewichtsverteilung im Kunstreiter-Grundsitz schätze ich so ein: ca. 60% des Reitergewichtes auf dem Gesäß des Reiters, je ca. 15% auf den Oberschenkeln und ca. jeweils nur 1 bis 5% auf jeder Steigbügelplatte (außer beim Bügeltritt).

Beim Bügeltritt allerdings, schätze ich, können gelegentlich um die 50kg auf die betreffende Bügelplatte kommen (da meine Pferde ein breites Fundament haben, kommen sie dadurch nie ins Schwanken).

Die schwierige Gleichgewichtssituation im Englischsitz kostet den Reiter viel Konzentration, von der ein beachlicher Teil beim Guerinieresitz frei wird: der Reiter kann seine Gedanken vermehrt anderen Dingen zu wenden (anfangs fehlt ihm dann tatsächlich etwas!).




Was die alten Meister sagten:

Grisone 1550: Der Reiter soll seine Unterschenkel so herunter hängen lassen, dass sie sich von selbst an ihrem rechten Platz in den Bügeln positionieren, so als stünde man auf der Erde; die Fußspitzen so gedreht, dass sie beim Wenden des Pferdes auf der jeweiligen Seite in dieselbe Richtung zeigen wie die Nase des Reiters.

La Broue 1593: Den Rücken gerade und straff, die Oberschenkel fest am Sattel wie angeklebt. Die Knie geschlossen, und eher nach innen als nach außen gedreht. Die [Unter-]Schenkel so nah am Pferd wie nötig, straff und gerade, so als stünde man aufrecht auf seinen Füßen auf geradem Boden, wenn der Reiter groß oder von mittlerer Statur ist; hat er aber eine kleine Statur, soll er, wenn möglich, seine Unterschenkel nach vorn und den Pferdeschultern benachbart halten. 

Die Ferse tiefer als die Fußspitze, weder nach außen noch nach innen gedreht [also ca. 30° außenrotiert wie im normalen Stehen], die Fußsohle soll gerade und mit sicherer Anlehnung an die Steigbügelplatte aufliegen, und so, dass die Stiefelspitze die Steigbügelplatte ungefähr um eine Daumenbreite überragt.

 

Pluvinel 1626: Der Reiter muss sich ebenso aufgerichtet im Sattel halten, als stünde er auf der Erde, die Unterschenkel weit vorwärts, und fest in die Bügel treten und die Knie allzeit mit ganzer Gewalt geschlossen halten. Mit der Fußspitze nah an den Bug des Pferdes kommen, die Fersen niederdrücken und auswärts drehen, man soll vom Boden aus die Sohlen der Stiefel sehen können. Bild aus: "Le Manege Royal":






Newcastle (frz.1.Buch) 1657: Der Reiter soll so weit wie möglich vorn im Sattel sitzen, die Beine senkrecht herunterhängen lassen, als würde er auf der Erde stehen, Oberschenkel und Knie wie angeklebt am Sattel, die Füße fest in die Bügel stellen, die Absätze etwas tiefer als die Fußspitze.




Gueriniere 1733: Die Unterschenkel ungezwungen gerade nach unten halten, nicht zu weit nach vorn, da man sie gelegentlich hinten einsetzen muss, nicht zu weit nach hinten, sonst käme man mit den Hilfen in die Flanken, die zu kitzlig und empfindlich sind, um dort mit Sporen arbeiten zu können. Die Ferse nicht zu tief absenken, damit der Unterschenkel nicht steif wird, die Fußspitze nicht zu weit herausdrehen, damit die Sporen nicht den Bauch berühren, und nicht zu weit eindrehen, damit der Unterschenkel nicht gelähmt wird. Eigentlich muss man dazu aber nicht die Unterschenkel etwas einwärts drehen, sondern die Oberschenkel. In seinem Buch findet man auch solche Bilder:


  













 Prizelius (1777) zeigt auf fast allen Darstellungen eine Handgelenksbeugung der minimal supinierten Gertenhand, zusammen mit dem "Beine vor dem Pferd":









Sieht man sich die alten Darstellungen an, wird schnell klar, dass der Rat, die Beine gerade herunterhängen zu lassen, zwei verschiedene Bedeutungen haben kann: ein heutiger Reiter, der im Englischsitz mit den Beinen hinter dem Pferd aufgewachsen ist, meint damit: so, dass noch soeben eine Abknickung im Kniegelenk vorhanden ist, der dickbäuchige m.gastrocnemius noch angespannt (= "nicht in die Bügel treten!"); auf der anderen Seite der Kunstreiter vor 1800, bei dem die Beine soeben noch vor dem Pferd sind, ohne Abknickung im Kniegelenk (= "immer etwas in die Bügel treten!"), außer für kurze Hilfengebungen.

Während das „Beine vor dem Pferd“ heutzutage schon für den Reiter zu Anfang schwer durchhaltbar ist, hat es das Pferd noch weit schwerer: im Englischreiten ist ja das Entspannen des Reiters dadurch gekennzeichnet, dass man alles wegwirft, auch mal die Beine nach vorne entspannt und dies natürlich auch für das Pferd das Pausensignal war, aber nun soll damit erst die richtige, „freie“ Arbeit beginnen!

Das Pferd muss sich sehr umstellen, da der Reiter versucht, möglichst oft und lange die Beine vorne zu halten, hierdurch sind ihm dabei zum Treiben nicht nur „die Sporen gestohlen“ (Pluvinel) worden, sondern auch die Fersen und der dicke Wadenmuskel!

Er muss hier Ersatzmittel finden und lernen, diese einzusetzen: als Erstes fällt ihm natürlich die Gerte ein, aber das allein reicht nicht aus: er muss auch aus dem Sitz auf der Vorhand, der in der Englisch-/Jagd-/Spring-/Rennreiterei üblich ist, auf einen Vorhandentlastungssitz wechseln, der gleichzeitig ein Hinterhandbelastungssitz ist und ein wichtiges Ziel der Kunstreiterei darstellt, indem er den Oberkörper etwas zurücknimmt, die Hände nicht proniert, den Bauch vortreten lässt, die Schultern nicht einrollt, etc.

Zusätzlich muss er dem Pferd erlauben, vorwärts zu gehen, indem er das Becken mehr nach vorn kippt (oder zumindest nicht mehr nach hinten gekippt hält) und ggf. den Pinky-Push einsetzt; und statt des Treibens mit Ferse/Wade/Sporn während des Absenkens des Pferdebrustkorbs auf der inneren Seite einen mehr oder weniger starken Bügeltritt auf dieser Seite benutzen, um die Brustkorbrotation des Pferdes zu verstärken und damit das Untertreten der Hinterbeine.

Zunehmend wird in den bekannten Lektionen das Klammern der Unterschenkel hinten verschwinden, aber in neuen Übungen leicht wieder auftauchen, was nicht unbedingt ein Fehler ist, da das Pferd der Ausführung nur zustimmen kann, wenn es weiß, was es machen soll, und auch der Reiter eine neue Übung selbst erst einmal verstehen muss und dieses häufig ja erst mal nur mit zusätzlichem Treiben gelingt. Diese „falsche“ Hilfengebung kann dann beiden im Verlauf wieder abtrainiert oder ggf. abgeschwächt werden.






Update 23.12.17:

Die Pferdewaage war da: Paco wiegt mit mir und Sattel 660kg.  Nur mit der Vorhand auf der Waage zeigt sie 330kg an; die Waage ist 20cm höher als der Boden, auf dem sie und damit Pacos Hinterhand steht und deshalb ist schon etwas Gewicht nach hinten verschoben worden.  Als wir unsere Standard-Schulparade ausführten, zeigte die Waage nur noch 240kg für die Vorhand an:  90kg weniger auf der Vorhand bedeutet 90 kg mehr auf der Hinterhand:  420/240kg; anders ausgedrückt: die Vorhand wurde von normalerweise ca. 60% auf 36% erleichtert! Auf den Hanken lagen somit in dieser mäßig starken Schulparade statt normalerweise ca 40% jetzt 64%: Ein echter,leichter  Arret sur les hanches!







Update 19.01.18


Immer wieder mal eine ganze Parade auf den Hanken aus dem schnellen Trab und gelegentlich aus dem Galopp zu üben, bringt tatsächlich den von La Broue vorausgesagten Effekt: alle versammelnden und höheren Lektionen werden viel besser, angefangen von der Schulparade und dem stark versammelten Trab!

Seit ich ganz vorsichtig begonnen habe, seine Anleitung für Courbetten anzutesten, habe ich nach vielen Jahren wieder angefangen zu levadieren, was ich lange vermieden hatte, um keine schädliche Pesade auszulösen: La Broue schreibt ja, man solle mit aus der Bewegung ausgelösten Levaden beginnen. Dies hat sich dann bei mir etwas anders entwickelt, so dass ich jetzt aus dem versammelten Galopp an einer leichten Steigung bergauf bei jedem zweiten Sprung die Vorhand des Pferdes etwas anheben kann (mein inneres Bild dabei ist die Delfter Fliese von 1650, die wohl genau dies darstellt, und das Bild von Ridinger, das den relevierten Galopp zeigt).

Dabei denke ich an La Broues Vergleich mit dem Jeu de paulme und es ergibt sich eine dem Baggern beim Volleyball ähnliche Körperhaltung des Reiters: die Reiterbeine sind dann so weit vorn und etwas oben, dass man hier von „den Beinen über dem Pferd“ sprechen muss, auch weil sie im Knie etwas gebeugt sind; und der Zügelarm kommt dabei nach vorn. Zusätzlich verstärke ich das Höhernehmen der Vorhand des Pferdes durch einen deutlichen Pinky-Push und erreiche so zur Zeit gefühlt eine deutliche Entlastung und ein Höhernehmen der Vorhand. Das Anheben der Vorhand führt zu einer Verlagerung des Gewichtes auf die Hinterhand, die dabei weiter vorn unter dem Pferd trägt.

Endlich entwickelt dadurch sich auch das Terre-a-Terre geradeaus (=Mezair?) weiter, weil die Pferde jetzt besser verstehen, dass ich fast auf der Stelle bleiben will. Gestern hat mir Picasso auf dem Rückweg zum Stall, wo die Pferde immer etwas flotter vorwärts wollen, diese Gangart in 45° Abstellung auf seiner guten Seite angeboten und ganz ruhig und locker, fast von allein, acht gleichmäßige Sprünge seitwärts in gerader Körperhaltung gemacht: wohl um zu vermeiden, dass ich auf die Idee käme, ihn seitwärts links gehen zu lassen, weil links seine steife Seite ist und er zu dieser nicht gut seitwärts geht, wenn er schneller vorwärts kommen will. Beim Versuch, das danach auf der linken Hand zu wiederholen, wurde er sehr entier, ging gegen rechte Ferse und rechte Gerte und engte sich sogar zusätzlich nach rechts ein (= bog Körper und Hals stark nach rechts). So wartet auch in dieser Gangart erneut die Gymnastizierung auf uns!






 



Update 03.03.2018: Tamburinbewegung

Der Semi-Boquetgriff (s.01.Nov.17) verfeinert sich immer mehr: ich brauche nun zum Abstellen der Hinterhand die Gertenfaust nicht mehr vor oder hinter die Zügelhand zu führen: sie bleibt jetzt neben der Zügelhand stehen und wirkt allein durch die Rotation der Faust im Handgelenk. Zum Schwenken der Hinterhand nach links drehe ich die Knöchel der aufrecht stehenden Gertenfaust nach links, zum Schwenken der Hinterhand nach rechts drehe ich die Faust nach rechts, so dass die Knöchel nach rechts zeigen. Diese Schwenkbewegung ist vergleichbar mit dem Schlagen eines Tamburins (Schellenkranzes) gegen die andere Hand, um die Schellen erklingen zu lassen. So leite ich eine Volte nach links ein mit der Drehung der Gertenfaust links, behalte diese Stellung bei, wenn das Pferd die Kruppe in der Wendung behalten soll; möchte ich die Kruppe auf die Kreislinie zurückführen drehe ich die Gertenfaust kurzzeitig nach rechts (länger rechts gehalten, bewirkt dies ein leichtes Renvers). Im Galopp auf Kreisbahnen ist das sehr wirkungsvoll: Beginn mit Drehung nach innen für ein bis zwei Galoppsprünge, dann kurz nach außen zum Stabilisieren des Kreises, dann wieder nach innen zum vermehrten Untersetzen der Hinterhand.

Auch beim 80°-Seitwärts gibt er eine sehr gute Unterstützung: Seitwärts nach links> Knöchel nach links, und vice versa.

Die Übertragungskette über: Unterarm>Schulter>Rückenmuskulatur ins das Reiterbecken und die Sitzbeine ist deutlich fühlbar (vielleicht findet ja jemand irgendwann die einzelnen beteiligten Muskeln heraus?).

 







Update 06.03.18:  Gleichstand mit Newcastle?

Zumindest im Gertenverbrauch fühle ich mich Newcastle inzwischen ebenbürtig: Meine jetzige Naturgerte (ein Apfelbaumtrieb, getrocknet nach der Anleitung in Bents Video) habe ich jetzt über vier Monate in Gebrauch. Newcastle/Cavendish berichtet stolz in seinem ersten Buch, seine Gerte halte häufig ganze drei Monate, als Beweis dafür, wie sanft er mit seine Pferden umgehe. Man könnte einwenden, dass er ja sicher mehr Pferde am Tag ritt als ich, andererseits schreibt er, dass er häufig 5 Pferde in einer Stunde absolvierte: also ist die Einsatzdauer pro Tag vielleicht ähnlich gewesen. Außerdem trug er immer noch zusätzlich Sporen, ich dagegen habe keine Sporen mehr angelegt seit 17 Monaten...

In seinem zweiten Buch allerdings, neun Jahre später, erwähnt er am Anfang, dass seine Naturgerte 6 Monate halte, und am Ende dieses Buches spricht er davon, dass sie ein ganzes Jahr gehalten habe! Ob mein Stöckchen so lange aushält?











Update 10.03.18


Genau in dem Moment, als ich heute Nacht im Notdienst Remlingen passierte (den Ort, an dem Loehneysen sein“Della Cavaleria“ schrieb, und der zu meinem Beritt als Landarzt gehört), wurde mir klar, dass das La Broue Kapitel II.7, welches ich gerade übersetze, genau das ist, worauf Gueriniere sich im Kapitel “Passage“ bezieht!










Update 18.03.2018: Die lang ersehnte Trensenkandare ist da!



Es dauerte ein paar Monate, bis ich erkannt hatte, dass La Broues und Guerinieres „Simple Canon“ =„einfaches dickes Rohr“ (ital. Übersetzung) in Wirklichkeit eine Kandare mit gebrochenem Mundstück ist.  Es brauchte dann noch ein paar Wochen Gedankenspiele, die maßstabsgerechte Übertragung der Zeichnungen auf die Maulbreite meiner Pferde und dann einige Wochen Gedankenaustausch bis sie endlich fertig war.

Heute war der erste richtige Testritt mit dieser Trensenkandare: mit ihr kann ich nun genau wie Gueriniere durch minimales Zupfen am inneren Zügel den Unterkiefer des Pferdes nach außen verschieben (was ja der Hauptnutzen einer Trense ist) und dabei bei Bedarf die aufrichtende Wirkung der Kandare nutzen.

 

Das Mundstück wird konisch nach außen immer dicker, damit die seitlichen Lippen es mittragen können und eine Einwirkung auf das Mundstück zunächst die Lippen, und erst bei stärkerer Einwirkung Zunge und Laden erreicht ( Es wurde hohl ausgeführt, damit es nicht zu schwer wird, wie es auch die Alten gemacht haben: Löhneysens Bezeichnung dafür war „Hohlbiß“). Durch den großen Durchmesser auch noch im Bereich der Laden ist die Rundung sanfter, deshalb wirkt das Mundstück dort weniger hart ein.

Weil es meine erste Zäumung dieser Art ist, habe ich noch nicht gewagt, den Unterbaum genauso lang anfertigen zu lassen, wie Gueriniere und La Broue empfehlen, sondern mich zunächst mit 18cm Länge begnügt. Damit der Hebel nicht zu sehr zunimmt, habe ich den Oberbaum genau wie bei Gueriniere auf 7cm verlängern lassen. So erhöht sich der Hebel gegenüber meiner vorherigen Kandare nur von 1:2 auf 1:2.5 (bei Gueriniere und Broue ist 1:3 ein normaler Wert).

Dadurch gewinne ich einen um den Faktor 1.7 längeren Zügelweg von z.B. statt 4.4cm > 6.3cm. Das bedeutet, dass das Pferd deutlich mehr Zeit hat, auf einen Zügelanzug zu reagieren, bevor die Kandare voll wirkt, und deshalb auch, dass ich mit einer etwas unruhigeren Hand reiten könnte.

Das Gewicht dieses etwas klobig wirkenden Prototypen ist trotz der etwas längeren Bäume dasselbe wie das einer kurzen Turnierkandare plus Unterlegtrense, oder wie einer der schwereren El-Mosquero Kandaren.

Die Kandare lässt den Reiter genauso gut fühlen, wann sie einzuwirken beginnt, wie die Renaissance-Kandare, und nach kurzem Testen hatte ich heraus, wie man am inneren Zügel zupfen muss. Die Stellung des Kopfes war dann wirklich so, wie La Broue es beschreibt: fast nur der Kopf stellt sich, der Hals viel weniger als vorher. Wenn ich dem Pferd zusätzlich die Gerte außen zeige, kommt eine viel rundere Halsbiegung zustande, und ich hoffe, es bleibt dabei, dass der Muskelknoten hinter dem Atlas, der fast immer bei Picasso zu sehen war, verschwunden bleibt. Zum Höherführen des Kopfes reicht ein ganz minimaler Zug (ich setze dazu immer den Pinky-Push ein, um dem Pferd mitzuteilen, dass es sich nicht um eine halbe Parade handelt).

Kleiner Wermutstropfen: die Schaumkette, die den Abstand der Unterbäume voneinander begrenzt und damit ein Hineinlehnen der Oberbäume in die Backenzähne verhindert, und auch die langen Unterbäume verbieten mir von nun an, meinen Pferden zu gestatten, sich an den Zweigen der Büsche und Bäume am Wegesrand zu bedienen ...














Update 04.April 18 : aus der Not eine Tugend


Weil die langen Unterbäume meiner Trensenkandare auf dem Boden schleifen könenn und damit wirksam werden könnten, und auch weil das Pferd mit den Hufen daran treten könnte, bin ich jetzt gezwungen, den Pferdekopf viel höher zu stellen. Hatte ich früher im Gelände die Zügel durchhängen lassen, was dazu führte dass die Pferde sehr stark vorwärts abwärts gingen (immer auch in der Hoffnung, ein paar längere Grashalme zu erhaschen), nimmt Picasso jetzt immer eine wunderbar leichte Daueranlehnung, die zu einer fortwährenden Kommunikation über die Reiterhand führt. Ich habe den Eindruck, dass diese vertrauensvolle Weichheit im Pferdemaul durch die Länge der Unterbäume verursacht wird: auch wenn die Reiterhand mal etwas unkonzentrierter gehalten wird, führt dies nicht gleich zum Greifen der vollen Kandareneinwirkung, weil der entsprechende Zügelweg ja viel länger ist. Aber auch die starke Dicke des Mundstückes wird wohl eine Rolle spielen und auch die Möglichkeit des Verteilens der Kräfte der beiden Trensenschenkel, die das Pferd sich passender schieben kann.

Die erwartete Einwirkung des Zupfens am inneren Zügel ist allerdings durch das krasse Gegenteil widerlegt worden, denn dabei stellen meine Pferde Kopf und Hals erstmal auf die Gegenseite! Durch die vier- bzw. achtjährige Benutzung eines nicht gebrochenen Mundstückes wurden beide sehr lange darauf trainiert, die falsche Einwirkung dieser Kandaren umzuinterpretieren und hatten brav umgelernt.

So bin ich gestern im richtigen Bahngalopp, aber trotzdem mit starker Biegung des Pferdehalses nach außen durch die Ecken geritten! Während man im Schritt viel Zeit hat, dem Impuls des Pferdes, sich zur Gegenseite zu stellen, rechtzeitig entgegen zu arbeiten, wird es im Trab schon schwerer, und im Galopp sind ja schnell fünf bis 8 Sprünge gemacht, bevor die sanfte Korrektur (mit Zeigen der Gerte außen neben dem Pferdekopf und verstärkter Sitzeinwirkung) richtig greift! Das verstärkte Anlegen des äußeren Zügels an den Hals interpretiert das Pferd in dieser Situation leider zunächst einmal als einen um sich herum biegenden Zügel....







Update 05.04.18:

Sehr interessante Textstelle bei Prizelius gefunden! (s. Fundstücke).





Update 06.04.2018:


Der Text von Prizelius kommt für mich genau zum richtigen Zeitpunkt: Seit sehr vielen Wochen komme ich bei dem Versuch, den ganz kurzen Schritt zu diagonalisieren, nicht weiter. Nur ganz selten mal für einen oder zwei Schritte stellt sich das Gefühl ein, die Hinterbeine an die Bewegung der Vorderbeine herangeholt zu haben. Deshalb habe ich schon länger überlegt, ob man vielleicht auch durch eine starke Verlangsamung des Trabes zum Ziel kommen könnte. Meine beiden Hengste führen schon länger einen sehr langsamen Trab aus, der mich wunderbar weich sitzen lässt. Die Taktfrequenz von ca. 80/Minute liegt dabei deutlich näher an der einer Trabpassage als an einer Piaffe auf der Stelle. Hierbei entsteht allerdings keine starkes Abheben des Pferdekörpers vom Boden, das ja für Trab, Piaffe und Trabpassage charakteristisch wäre, aber trotzdem den Reiter im Zweitakt deutlich schwingend anhebt: so ähnlich muss sich Saunier in seiner Schrittpassage gefühlt haben, denke ich. Ob das nun wirklich schon eine Schrittpassage darstellt? Zumindest der Weg dahin könnte gut über diese Verlangsamung gehen. Gibt es sogar eine Schrittpiaffe? In einem alten Video der Spanischen Hofreitschule kann man diese Schrittpiaffe sehen, bei der zwei Pferde in der Mitte der Bahn nebeneinander im Stehen sehr, sehr langsam und eher dicht am Boden piaffieren.

Wenn eine Bewegung sich gut für den Reiter anfühlt, ist sie auch gesund für Körper und Geist des Pferdes, sagt man ja: deshalb bin ich mir ziemlich sicher, dass ich damit keinen Fehler mache, sondern im Gegenteil das Pferd damit zum Positiven gymnastiziere. Die alten Meister schreiben ja, dass man sein Pferd entsprechend dessen Fähigkeiten ausbilden soll und kann: manche Pferde heben ihre Beine nun mal etwas weniger grazil und weniger hoch.

Der Text von Prizelius würde dann tatsächlich diese Gedanken bestätigen:

  1. Bei Gueriniere und Saunier hat eine sehr langsame Trabpassage von ihnen den Namen „Schritt“-passage bekommen, weil ihre Bewegung langsamer und dichter, gleichmäßiger am Boden als in einer normalen Trabpassage ist.

  2. Der Schul-“schritt“ bei Prizelius, Eisenberg und Ridinger ist ein sehr langsamer Trab, teilweise mit tiefer Hankenbeugung, und letzteres wäre genau dieselbe Bewegung wie die o.g. „Schritt“-passage. Als Übersetzungsfehler wurde so im Deutschen aus "pas de escole" (= "Schulgang") der Schulschritt.

  3. Der alte Schulschritt vor ca. 1750 bei Gueriniere und La Broue war ein einfacher, viertaktiger, versammelter Schritt mit höherer Aufrichtung, wie er beim z.b. Schulter- und Kruppeherein notwendigerweise auftritt.


So forme ich den für manche schnell desillusionierend wirkenden Satz aus dem Dictionnaire de Manege von 1741 für uns Amateurreiter mit vielleicht nicht ganz perfekten Pferden und Ausbildungsbedingungen um:  Die Schrittpassage ist sehr schwer auszubilden, so braucht selbst ein sehr gut ausgebildeter Reiter für ein sehr gut veranlagtes Pferd mindestens 3 Jahre in der Manege, und wenn in dieser Zeit 2 von sechs Pferden gut werden ist das viel; unter schlechteren Voraussetzungen dauert es entsprechend länger.











 Marc-Aurel-Sitz und jeu-de-paulme Haltung

 Der Reiter benutzt eine leichte Dorsalextension (Streckung zum Handrücken hin) in der freien, rechten  Hand bei leichter Beugung im gleichseitigen Ellenbogengelenk. Wäre letzeres komplett gestreckt, gäbe es keine Übertragung auf die Rückenmuskulatur des Reiters, und damit keine treibende Wirkung.  Diese Bewegung entspricht dem Schieben eines Einkaufswagens mit dem Handballen, hier tritt der Reiterbauch mehr vor als beim Pinky-Push, das Reiterbecken kippt hierbei viel weniger vor. (Im Falle eines genauso weit wie hier erhobenen Armes bewirkt die Pronation der rechten Hand keine Blockade des Bauchvorschiebens beim Reiter, wie man erwarten könnte!).

Genau dieselbe Wirkung tritt auf, wenn Marc Aurels linke Hand in Supination einen waagerechten Pinky-Push ausführt. Ich denke, La Broue meint vielleicht diesen "waagerechten" Pinky-Push (im Gegensatz zum oben bisher immer gemeinten senkrechten mit senkrecht stehenden Reiterfäusten), wenn er von der jeu-de-paulme  Bewgeung zur Erzielung der Courbette spricht.
 

 Das Gegenteil, Versammlung, erzielt man dann im rechten Handgelenk durch Beugung desselben. 





Update 21.April 2018:


Prizelius' Interpretation des Guerinieresitzs bringt höchste Harmonie in die Haltung des Reiters: seine leichte Supination der Gertenhand in Kombination mit der Beugung im Handgelenk führt auch zu einer leichten Annäherung der Haltung der Zügelhand an diese, nun tritt der Reiterbauch noch etwas weiter vor, die leicht geöffneten Hände bilden gefühlt ein Becken in das sich der Reiterbauch schmiegt. Die  Rückenmuskulatur des Reiters entspannt sich erstmals ganz symmetrisch.  Müsste man keine Hilfen geben, würde ich permanent in dieser Haltung auf dem Pferd sitzen!







Update 30. April 2018

Als mein Huforthopäde mich vor einigen Wochen darauf hinwies, dass der auf Picassos weißem, rechten Hinterhuf gut zu erkennende, horizontale, rötlich-bläuliche Streifen das Resultat eines  Trittes durch den linken Hinterhuf war, wurde mir klar, dass ich die Rutschgefahr auf der nassen Wiese, deren Untergrund noch gefroren war, unterschätzt hatte. Bezeichnenderweise war diese Prellung beim Seitwärtsgalopp zur guten (rechten) Seite aufgetreten, deshalb gehe ich davon aus, dass ich obendrein zuviel Biegung im Hals, die zu seiner guten Seite ja sehr leicht auftritt, zugelassen hatte! Seitdem achte ich viel mehr auf La Broues Rat, im Seitwärts nur den Kopf etwas in Bewegungsrichtung zu stellen, aber nicht Hals und Rumpf des Pferdes zu biegen. (Gut, dass Picasso keine Eisen trägt!).

Durch die Gertenhandhaltung bei Prizelius bin ich nun wieder zur Gueriniers Gertenhand zurückgekommen, nachdem ich viele Monate andere Haltungen ausprobierte: senkt man die nach Prizelius gehaltene Gertenhand bei Bedarf abwärts, kann man dieselbe gute Reiterkörperhltung bewahren und bereit sein, notfalls in den Zügel greifen.







Zwischenbilanz Trensenkandare 21.05.2018:

Die starke Daueraufrichtung am ersten Tag des Trensenkandareneinsatzes ist nie wieder aufgetreten, ich vermute, sie kam zustande, weil zusätzlich zum unbekannten Maulgefühl vor der Halle rossige Stuten balgten und wir auch noch Frostwetter hatten.

Als ich vor 2 Wochen nach acht Wochen Trensenkandare wieder einmal die alte, ungebrochene, die ich seit vielen Jahren benutzte, angelegt hatte und einen Geländeausritt machte, war ein deutlicher Unterschied spürbar: das Pferd nahm keine ultrasanfte Daueranlehnung mehr, sondern wurde immer wieder mal eher hart abgestoßen: es legte sich deutlich mehr auf diese ungebrochene Stange, der Reiterarm ermüdete an diesem Tag deutlich mehr vom unangenehmen Ziehen des Pferdemauls am Zügel, als mit der Trensenkandare, und der Reiter wurde immer wieder aus seinem freien, unabhängigem Sitz gebracht.

Nach 11 Tagen Reitpause dann, und wieder mit der alten, ungebrochenen Kandare hatte Picasso sein altes Gleichgewicht wiedergefunden, das Ziehen an der Hand war verschwunden, und eine leichte Anlehnung wieder da. Diese deutlich andere Anlehnung nenne ich nun "über der Hand" weil sie im Gegensatz zu der der Trensenkandare nicht "in der Hand" (mit dem Gefühl einer direkten Verbindung in das Pferdemaul) liegt, sondern eher eine Vermeidung dieser darstellt. Ob die Ursache das  dickere Mundstück mit Unterstützung durch die Lippen, oder der wesentlich längere Zügelweg ist, werde ich wohl erst herausfinden, wenn ich meine dritte Variante der einfachen Trensenkandare bekomme: eine mit ganz kurzen Unterbäumen wie auf dem Bild von Nestier.

Der Prototyp, den ich bis jetzt benutzt habe, hatte, wie sich herausstellte, eine viel zu hohe Zungenfreiheit: so scheint es mir nun, als wollte Gueriniere uns mit seiner Abbildung bewusst eine andere (Höchst-?)Variante zeigen als die damals für 140 Jahre bekannte La Broue Form (s. Übersetzung). Meine nächste wird die Zungenfreiheit von La Broue haben; weiterhin war mein bisheriger Prototyp eine gerade Ausführung, die nächste soll nun eine gebogene werden, die manchmal als S-Kandare bezeichnet wird: die Seitenteile exakt nach Gueriniere ausgeführt; dann erst kann ich sagen, wie sich die alten Reiter und ihre Pferde wirklich fühlten. Diese Art der Zäumung wurde für die schon etwas weiter ausgebildeten Pferde benutzt: zuvor wurden sie zuerst auf Kappzaum, dann mit zusätzlich angelegter gerader Trensenkandare zuerst ohne (wie eine Wassertrense), danach mit Kette, dann erst kam die gebogene Trensenkandare mit Kappzaum, danach diese solo. Je nach Fähigkeit von Pferd und Reiter waren natürlich verschiedene Zeiträume für die jeweiligen Stufen vorgesehen, die aber heutzutage vielleicht alle etwas verkürzt werden können, da wir heute für Vorbereitung und Begleitung des Trainings die derzeitige Blüte der Arbeit vom Boden aus erleben dürfen, die dem Pferd so Vieles schon klarmacht, bevor es zusätzlich vom Sattel aus die Übung erlernt.




 

Update 14.06.2018


Inzwischen bin ich mir sicher, dass die Einschätzung der allermeisten Reiter  heutzutage, eine Wassertrense sei am besten für einen Anfänger und ein junges Pferd, eine Fehlinterpretation der alten Meister ist. Diese ist unter anderem dadurch entstanden, dass im Französischen inzwischen eine Wassertrense als „simple canon“ bezeichnet wird. Der Leser von La Broues und Guerinieres Texten erfährt ja, dass eine simple canon die schonendste und für das junge Pferd bestgeeignete Zäumung ist: damit war aber eine einfache Trensenkandare gemeint. Eine Wassertrense wurde von beiden für diese Fälle als ungeeignet angesehen, weil sie dazu führt, dass die Pferde sich auf Hand legen.

Andere Gründe haben natürlich auch dazu beigetragen:  Hat der Reiter nicht gelernt, eine Parade mit dem Sitz durchzuführen, macht er dies mit der Gebisseinwirkung und schädigt sehr leicht die Anlehnung in das Maul, und womöglich das Maul selbst! Ein Parieren oder Wenden nur durch den Sitz in einer Rennsituation, z.B. einem Springparcours auf Zeit, ist ja sogar völlig unmöglich... Viele Reiter meinen, mit einer "kleinen" Wassertrense würden sie weniger Schaden anrichten.

Auch ist eine Wassertrense viel billiger zu produzieren, und hat nicht den Nachteil, dass man wegen langer Unterbäume das Pferd bei einer Rast nicht grasen lassen oder in flachen Wasser trinken lassen kann.

Da sehr viel von dem alten Wissen, wie man eine einfache Trensenkandare anpasst, verloren gegangen ist, bin ich sehr gespannt, ob wir es mit Hilfe der alten Bücher wieder zurückgewinnen können!






Update 11.Juli.18:



La Broues Übung der Passaden im ersten Band mit den gedoppelten Volten ist sehr schön zu reiten, und wohl wirklich eine gute Vorbereitung für im Seitwärts gerittene Demi-Volten, für deren Verbesserung ich noch immer keinen befriedigenden, weiterführenden Ansatz gefunden hatte: vielleicht geht es damit besser voran?

Erst nach einigen Tagen ist mir allerdings klar geworden, dass er die Anzahl der Volten mit zwei oder drei ungenau beschrieben hat: Man beginnt ja eine ganze, normale Volte auf einem Hufschlag (also ohne Seitwärts ), wenn die Vorderfüße des Pferdes am letzten Punkt der geraden Linie angekommen sind, mit dem Übertreten des äußeren Fußes über den inneren; dann reitet man eine ganze Volte und reitet weiter über diesen Startpunkt hinaus, bis man fast die Linie der Passade erreicht hat und beginnt, die Kruppe nach innen zu schwenken, damit Vorderfüße und Hinterfüße fast gleichzeitig auf der Linie ankommen, um sofort wieder geradeaus antreten zu können zum anderen Ende der Passade. Das sind dann aber nur eineinhalb Volten, noch einmal herum wären dann nur zweieinhalb und nicht drei Volten. La Broues Begriff „gedoppelte Volten (= doublierte Volten) bedeutet also in Wirklichkeit, dass nur die erste halbe Volte verdoppelt wird.





Pinky-Push Zwischenbilanz Update 13. Juli:



Der senkrechte Pinky-Push mit aufrecht stehenden Reiterfäusten hat mir über viele Monate sehr geholfen, mich vom Vorhandsitz auf einen Sitz in Mittelpositur zu bringen und die Vorhand des Pferdes zu entlasten mit vermehrtem Heben der Vorderbeine (Ich denke, das ist ein wichtiger Teil des „Leichtermachens“ des Pferdes (frz.:“allegrir“), wie es die Alten für erforderlich hielten). Dabei bleibt aber die Bewegung der Hinterbeine unbeeinflusst, es sei denn man übertreibt ihn, dann streckt sich das Pferd sogar, und es tritt eine Anti-Versammlung mit einer unerwünschten Absenkung des Rückens auf. Bei dem kurz gebauten Paco, der auch in Ruhe seine Hinterbeine nicht nach hin raus stellt, ist das kein großes Problem, aber Picasso tut genau dies immer (ich habe ihn deshalb sogar auf PSSM testen lassen!). Seit einigen Monaten wende ich den senkrechten Pinky-Push deshalb fast nur noch an, wenn die Pferde im Gelände nicht vorangehen wollen, z.B. auf den ersten paar hundert Metern vom Stall weg, oder wenn wir uns dem ungeliebten Schweinestall nähern.

Zum Versammeln aber, also zum vermehrten Untertreten der Hinterbeine, hat sich der „waagerechte“ Pinky-Push als sehr erfolgreich herausgestellt (waagerecht halten kann man die Fäuste allerdings nicht wirklich, die Supination ist ja nur bis ca.60° möglich, wenn man die Arme nicht ganz weit nach vorne halten will). Dabei werden zwar die Vorderbeine nicht ganz so stark aktiviert, aber die Vorhand wird trotzdem etwas erhoben und die Gesamtwirkung ist deutlich versammelnd.

Am schönsten und einfachsten gelingt auch dieser Pinky-Push, wenn man einhändig auf blanker Kandare reitet: mit zusätzlichen Kappzaumzügeln muss man sich sehr darauf konzentrieren, vor allem den Ringfinger deutlich nach vorn zu schieben.






Update 01.Aug. 18:


Eine ebenfalls exzellente Hilfe zur Verbesserung der Aufrichtung der Vorhand bei Reiter und Pferd ist die Gertenhaltung des Alten Fritz', hier zu sehen bei einer Porzellanfigur im Schloß Köpenick, Berlin











Update 23. Aug. 2018:


Endlich habe ich ein Wort für die Bewegung der Gertenfaust, die so fein und präzise die Hinterhand regiert: "Tamburinschwenk" (s. 3.3.2018).






Update 16.Sept.2018:


War ich anfangs erstaunt, einen wie geringen Durchmesser La Broues Volten an den Enden der Passaden mit ca. 3.50m haben, gelingen uns dank des Tamburin-Schwenks inzwischen noch viel kleinere: Zur Zeit galoppiere ich die Passade, lasse das Pferd an deren Ende fast zum Stehen kommen, während ich gleichzeitig die Schritt-Volte auf einem Hufschlag einleite, indem ich das Pferd den äußeren Vorderfuß über den inneren treten lasse. Mit voll nach innen tamburingeschwenkter Gertenhand engt sich das Pferd maximal ein und kann 1.50m Volten machen. Das Problem ist dann, dass ich im Rausch dieser kleinen Volte nicht bemerke, was dann schnell passiert, und erst, wenn das Pferd stehen bleibt, wird mir klar dass ich wieder einmal nur auf die schöne Bewegung der Vorhand geachtet, und dabei nicht gefühlt habe, dass die Hinterhand immer mehr hinein gewandert ist: dann ist sie inzwischen vor die Bewegung gekommen! Würde das Pferd nun weitergehen wollen, müsste es sein äußeren Beine hinter die inneren setzen, was sehr gefährlich ist. Also muss ich kurzzeitig den Tamburinschwenk reduzieren, das Pferd wird etwas weniger eng, die Hinterhand folgt wieder auf dem engen Kreis.



Update 13.10.18:


Es gibt keinen besseren Trainingsort für das Seitwärts als eine Reihe von früchtetragenden Apfelbäumen: sobald wir uns den Zweigen nähern, bemerkt man eine starke Steigerung der Körper- und Geistesspannung des Pferdes,  es  steht völlig ruhig da, reagiert äußerst genau auf meine Anforderungen:  "Noch ein bisschen weiter seitwärts? Bitte!" "Gerne steige ich diesen trockenen Graben im Seitwärts herunter, parallel zu den Wänden!" immer in der fragenden Haltung: "Kommst so du dran?" Hier ist wohl die Bedeutung des Wortes "adverty" (= zugewandt), das La Broue so häufig benutzt, voll und ganz erfüllt!






Update 31.10.2018:

Seit vielen Jahren versuche ich meine Pferde unter der einhändigen Zügelführung ganz gerade
zu richten. In all den Jahren habe ich nur selten und nur für kurze Momente das Gefühl gehabt, hierbei wirklich erfolgreich zu sein. Weil bei dieser Zügelführung der Platz für die Zügelhand in der Mitte des Pferdes über dem Widerrist festgelegt ist, kann es ja keine Symmetrie des Reitersitzes geben. Das Beste, was man erreichen kann, ist ein Ausgleich dieser Asymmetrie (die sich ja voll auf das Pferd überträgt) , wie uns Eisenberg in seinen Bilden vermittelt: Der Reiter hält auf diesen seine Hände eher nebeneinander, wenn auch ein rechter Zügel, z.B. Kappzaumzügel mit der rechten Hand benutzt wird (beidhändige Zügelführung). Bei komplett einhändiger Zügelführung wird dagegen der Gertenhand sehr häufig hoch und eher über der Zügelhand, also auch fast in der Mitte über dem Widerrist getragen. Dies bringt auch mir meist das best erreichbare Gerade. Siehe Eisenberg:

       L´art de monter à cheval ou description du manège moderne dans sa perfection : Stich 50 (L.) „L'AIMABLE“, Seite 102 im

http://www3.vetagro-sup.fr/bib/fondsancien/ouvonline/3288/3288.htm

Stich 36 (XXXVI) „LE GALANT“, auf Seite 74







Update 06.11.2018:


Heute wurde meine Gerte ein Opfer (auch) der Klimaüberhitzung: Bei 18°C und mit vollem Winterfell war Paco bei der Handarbeit heute so dickfellig und träge wie ein Eisbär. Bei der Aufforderung zur Schulparade bewgete er sich so wenig wie ein Stein: so kam es dass ich immer ungeduldiger wurde (ich war schon stressbeladen von zu Hause losgefahren) und ihm einen etwas kräftigeren Touché benutzte: dabei brach die dünne Spitze nach nun  fast genau ein Jahr ab! (s.06.03.18) .











Update 11.11.18:


Das stärkere Anheben der Vorhand im Galopp (s.19.01.18) übertragen meine Pferde zunehmend in die Handarbeit, und sie haben viel Spaß daran, sie immer höher zu nehmen (was im Sattel weiterhin eher als ein Zögern auf den etwas tieferen Hanken gelingt), wohl auch durch das Training des Levierens. Vor allem an der Hand nenne ich dies nun nach Ridinger „Relevierter Galopp auf den halben Hanken“ (Schul- und Campagnepferde, 1860, Stich Nr.18).






Update 27.11.18:


Das Kapitel 20 in La Broues zweitem Band , das ich gerade übersetze, hat mir soviel Zuversicht gegeben, dass ich heute mit beiden Pferden vier Passaden im mittleren Galopp mit zunehmend besseren Demi-Volten mit erhobener Vorhand geglückt sind, bei beiden Pferde die jeweils letzte ganz mit vier Schlägen. Dass es heute nur 2°C war, hat sicherlich geholfen. Ob dieses Erheben, wie Ridinger beschreibt, ein Herumwerfen des Pferdes auf der Hinterhand ist, oder ein Mezair im Seitwärts ist mir noch nicht klar, vielleicht dauert es auch noch, bis sich das sauber herausarbeitet. Ein sehr schönes Gefühl jedenfalls, diese Schwertkampfpassaden im Ansatz zu verstehen und machen zu können!






Update 31.12.18



Meine neuen Kandaren-Prototypen sind fertig: Die erste, die die alten Meister als mittlere Variante, die man zuerst benutzen soll, nachdem man ein junges Pferd zunächst mit einer geraden Kandare an diese Art der Zäumung gewöhnt hat, bezeichne ich als „Normal“, die zweite ist von dem Nestier Kupferstich abgeleitet, und die dritte ist eine mit einem längeren Unterbaum und einem hohen (90°) Bugabgang, was eine höhere Aufrichtung erzeugen soll.

Der Test mit der normalen über zwei Wochen war positiv, weil die Pferde das Mundstück (das bei allen drei Varianten genau gleich und sehr milde ist) gut annahmen, und anders (m.E. zufriedener) darauf kauen. Allerdings konnte ich keine höhere Aufrichtung, die eigentlich auch hier schon auftreten sollte, bemerken: dazu muss ich anmerken, dass ich eine Kandare immer äußerst vorsichtig einsetze, und von den alten ungebrochenen her immer noch häufiger fast kontaktlos reite als mit deutlicher Anlehnung. Auch die Beizäumung durch die Normale war eher so wie bei meinem vorherigen Prototypen einer geraden Trensenkandare, die Picasso schon seit vielen Monaten trägt. Aber schon bei etwas deutlicherer Anlehnung zeigte Picasso, mit seinem schlankeren, etwas längeren Hals, gelegentlich einen falschen Knick, der mich zunächst einmal davon abhält.

Seit drei Tagen benutze ich nun die extrem kurze und schwache (d.h.hinter der Bankettlinie) Nestierkandare: der Unterschied am ersten Tag war sehr stark zu spüren: Picasso trug die Nase genauso hoch wie einem akademischen Hackamore, er trat hinten weit heraus und er ließ sich im Trab nicht gut sitzen (aufgrund seiner steilen hinteren Fesseln). Allerdings waren anfangs auch die Kandarenhaken zu kurz und die Kinnkette rutschte von ihrem richtigen Platz zu weit nach oben. Heute, mit besser sitzender Kinnkette und schon etwas Gewöhnung, lief es sehr viel besser: ich wagte es, gelegentlich deutlich Anlehnung zu erzeugen, und hatte wohl auch deshalb eine deutliche, kontinuierliche Aufrichtung erzeugt?

Schon am dritten Tag mit der Normalen musste sich der neue Sicherungsmechanismus bewähren: als Picasso auf dem Rückweg in der Dämmerung im flachen Wasser trank, hatte ich zwar die langen Unterbäume, die sich zurücklegten, unter Beobachtung, dabei aber den linken Zügel nicht: als er darauf trat, scherte dann glücklicherweise der Sicherungssplint wie geplant ab, und weder Pferd noch Zügel oder Zaumzeug nahmen Schaden! Für so einen Fall hatte ich die Rosetten groß genug ausgeführt, um im Gelände den Zügel notfallmäßig hier einschnallen zu können.

  


Mein Plan ist es, die Nestierkandare 2 Wochen zu nutzen, und wenn ich dann die stark aufrichtende Kandare ganz fertiggestellt habe, direkt auf diese zu wechseln, um so den Unterschied bewerten zu können.

Für diejenigen, die sich auch selbst eine bauen, oder bauen lassen wollen, habe ich auf der Seite „Trensenkandare“ die jeweiligen Daten aufgelistet.

Falls jedoch ein größeres Interesse besteht, würde ich mich gern mit mehreren zusammentun für meine nächsten Typen!






Update 2. Jan. 2019


Nach der erstaunlichen Wirkung der Nestierkandare habe ich heute die „Normale“ 1.8cm hinter die Linie gebracht, indem ich sie einfach etwas nach hinten bog, dieses ergibt nur 2° hinter der Linie. Es hatte eine deutliche Auswirkung: beide Pferde nahmen im Gelände die Nase deutlich weiter nach vorn, konnten viel freier austreten, der Galopp war deutlich relevierter! Da wurde mir klar, dass die bisherigen, ungebrochenen Kandaren nur vorgaben, schwach und hinter der Linie zu sein, was ich wegen der rückbiegigen Unterbäume natürlich als gegeben annahm! Tatsächlich sind diese aber mindestens mittelhart, wie ich jetzt weiß! Weil ich mit ihnen nie richtig zufrieden war, hatte ich beide Pferde zweimal für jeweils drei Monate mit dem akademischen Hackamore geritten, dies aber wieder aufgegeben, da es den Reitersitz verschlechtert und erhebliche Kraftaufwendung erfordert, und selbst dann keine gute Beizäumung erzielen kann. So musste ich mich darauf beschränken, mit den ungebrochenen Kandaren fast immer mit durchhängenden Zügeln zu reiten.

Mit dieser neuen, durch das Zurückbiegen nun etwas schwächer beizäumenden Kandaren ist für mich nun erstmals richtiges Reiten möglich: nun kann ich den Grad der Beizäumung frei wählen! Im Gelände und freiem Schritt wenig, in der Versammlung viel. Dieses „viel“ kann ich nun der engen Ganasche von Paco und dem schwachen Maul von Picasso entsprechend sehr fein variieren! Es geht voran!





Update 05.Jan.19


Die schwachen Trensenkandaren halten, was sie versprachen: die Pferde können nun den Kopf frei anheben, und ich weiß jetzt, dass ich all die Jahre mit meinen Versuchen, auf vielerlei Weise den Kopf von Picasso anzuheben, scheitern musste: die alten Kandaren verhinderten dies komplett, die Pferde „nahmen den Kopf zwischen die Beine“ ! Ich kann nun, nach nur zwei Tagen mit der Normalen, die 1.8cm hinter der Bankettlinie ist, meine Zügelhand schon eine Handbreit absenken. Die Aufrichtung der Vorhand kann jetzt überhaupt erst stattfinden, weil das Pferd nun den Kopf anheben kann, und sie wird unterstützt durch den 45° Bugabgang, wenn man die Zügel ultrasanft annimmt: ich bin überglücklich!





Update 06.01.2019


Erstmals seit Beginn meines Seitwärts-Trainings vor sehr vielen Monaten hatte Picasso dabei heute in der Halle eine Aufrichtung! Weil diese Aufrichtung der Vorhand eine unabdingliche Voraussetzung für das Setzen auf die Hanken ist, und die alten Kandaren diese verhinderten, hatte ich heute zum ersten Mal das Gefühl: so wird es richtig! Zuvor habe ich alles erdenkliche probiert, um die Art Versammlung zu erzeugen, die man auf den Guerinierebildern sieht: mal ein Touchée auf die Kruppe, mal ein Touchée an das Maul von unten: aber alles brachte nur für einen halben bis ganzen Schritt eine etwas mühsame Aufrichtung, die sofort wieder verschwand. Der versammelte Galopp in der Halle ist ebenfalls sehr verändert, und zwar so stark, dass er, obwohl ich dreimal versuchte, Picasso zu einem mehr ausgreifenden und schnelleren Galopp zu bringen, nicht ein bisschen darauf reagierte, weil er ja nur selten in seinem Leben mit erhobenem Kopf in Aufrichtung galoppiert war, und mich nicht verstehen konnte. Es geht nun richtig voran!




 

Update 19.Jan.2019


Schon wieder ein unfreiwilliger Kandarentest!

Als ich mit Picasso im Gelände war, begegneten wir einer Frau mit zwei nicht angeleinten Bull-Terriern. Als die Hunde uns bemerkten, begannen sie auf uns zu zu rennen. Die Besitzerin hätte den größeren wohl mit einem herzhaften Griff ans Halsband zurückhalten können, hielt aber in der Bewegung inne (vielleicht hatte sie Angst, gebissen zu werden?). Ich überlegte natürlich angesichts zweier sehr bedrohlich wirkender Kampfhunde, davon zu galoppieren, aber rechts war ein tiefer, überwachsener Graben, links ein schwerbödiger Acker, geradeaus wäre die Hundebesitzerin wahrscheinlich empört gewesen, wenn ich dicht an ihr in vollem Galopp vorbeigezogen wäre, und bei einer nicht ganz kurzen Flucht wären wir auch überall auf Teerstraßen mit dem entsprechenden Rutschrisiko gestoßen… Also blieb ich, und als die Hunde sehr dicht kamen, versuchte ich sie mit Rufen zu verscheuchen: null Reaktion! Dann versuchte ich den Hund auf meiner rechten Seite mit meiner Gerte einzuschüchtern (leider ist das eher ein Stöckchen) und der Hund reagierte wieder überhaupt nicht, sondern umkreiste uns weiter. Dann versuchte ich den etwas kleineren Hund auf meiner linken Seite zu erreichen, aber die Gerte in meiner rechten Hand war hier viel zu kurz, und in dem Moment, als mich zur linken Seite weiter herunter beugte, machte der Hund einen Satz auf uns zu und Picasso sprang nach rechts, was mich aus dem Sattel holte. Anfangs hatte ich die Zügel noch in der Hand, aber der Hund setzte sofort nach, sodass Picasso mir die Zügel aus der Hand riss und fort galoppiert. Die Hunde hetzte ihn noch ca. einen halben Kilometer, auch an der Straße entlang. Nicht auszudenken, was zwei Tage später passiert wäre, als die Brücke spiegelglatt gefroren war!

Erst beim nächsten Aufzäumen (Picasso war bei seinem Eintreffen auf dem Hof von freundlichen Helfern abgetrenst worden, als er allein nach Hause kam) bemerkte ich, dass die Unterbäume der normalen Trensenkandare auf beiden Seiten verbogen waren. Sie ließen sich relativ leicht mit der Hand in eine passable Form zurückbiegen (für eine Rückkehr aus dem Gelände hätte das so ausgereicht), und dann im Schraubstock ebenso leicht vollständig wieder herrichten. Weil ich meine, dass in so einem Notfall durch das Verbiegen zumindest ein wenig Druck vom Pferdemaul genommen wird, werde ich die Seitenteile nicht verstärken (für den normalen Längsdruck beim Zügelanziehen ist sie ja stark genug gebaut).






07.02.2019 Dritte Zäsur meiner Reitentwicklung




Seitdem meine neuen Kandaren alle bisher von mir benutzten „rückbiegigen“ als fehlkonstruiert entlarvt haben, wird zunehmend deutlicher, dass dies eine dritte große Zäsur in meiner Reiterei geworden ist. Die erste war die Lektüre von Bents Buch „Akademische Reitkunst für den anspruchsvollen Freizeitreiter“, nach der ich wusste:“Dies ist die richtige Reitweise für mich!“; die zweite die Entdeckung der vielen Vorteile des Guerinieresitzes: ab diesem Zeitpunkt sagte ich von mir: „Jetzt kann ich reiten!“ Seit meine Pferde nun die neuen, wahrhaftig schwachen Kandaren tragen, sage ich: „Jetzt erlaubt die Zäumung meinen Pferden endlich eine akademische Haltung!“ Sie heben die Vorderbeine viel mehr und raumgreifender, liegen nicht mehr auf der Vorhand, Picassos Trab ist wesentlich weicher geworden, der Galopp hat sich verbessert, und das Seitwärts so sehr, dass Picasso heute bei der Handarbeit im Seitwärts mit der Nestier-Trensenkandare sein äußeres Vorderbein in demselben extrem hohen Bogen über das innere führte, wie die Stiche von Gueriniere es zeigen. Insgesamt vermitteln sie viel mehr den Eindruck, „freie Pferde“ zu sein. Pacos Angaloppieren fühlt sich jetzt so mächtig an, wie die Carriere von La Broues Pferd auf der Titelseite meiner Übersetzung. Häufig denke ich nun, dass jetzt der spanische Anteil der Knabstrupper sichtbar wird! Ich hoffe sehr, bald auch ein richtiges, tiefes Terre-A-Terre entwickeln zu können, denn sehr wahrscheinlich wurde dies bisher durch die falschen Kandaren verhindert.

Aufgrund der viel sanfteren Mundstücke kann ich inzwischen richtig mit dem Pferdemaul verhandeln, weil nicht mehr jedes Anziehen der Zügel gleich zur Abwehr führt, und es lassen sich viele verschiedene Grade der Anlehnung variieren.

Weil die neuen Trensenkandaren nun endlich dem Genick des Pferdes gestatten, hoch zu kommen, und nur die Nase, aber nicht den ganzen Kopf des Pferdes herunterbringen, taucht jetzt erstmals bei meinen Pferden die Frage auf: wie viel Aufrichtung der Vorhand/des Genicks möchte ich/darf ich zulassen/ brauche ich? Und wann bzw. in welcher Übung?

La Broue benennt die beiden für die versammelnden Lektionen unerwünschten Kopfhaltungen: erstens, wenn das Pferd die Nase im Wind hat, bzw. wenn Nase und Ohren des Pferdes auf gleicher Höhe sind; zweitens, wenn das Kinn des Pferdes auf seiner Brust ankommt. Er wünscht sich, dass „das Pferd Kopf und Hals in seiner mittleren und schönsten Haltung trägt“. Zur Zeit glaube ich, dass in der hohen Versammlung in Schritt und Trab die schönste Haltung meiner beiden meistens in der Gegend von 10-20° vor der Senkrechten liegt (beim Erheben der Vorhand natürlich mehr). Diese Haltung ergibt sich auch mit der ganz schwachen Nestierkandare.

Ich möchte, dass eine hohe Aufrichtung der Vorhand es der Hinterhand ermöglicht, sich abzusenken durch vermehrtes Vorwärtstreten der Hinterbeine unter den Pferdebauch. Einen starken Druck auf die Ohrspeicheldrüsen des Pferdes im Spalt hinter den Ganaschenknochen sollte man nicht zulassen und muss darum die Kandarenform, aber auch die Art und Weise ihrer Benutzung der anatomischen Beschaffenheit dieses Spaltes beim jeweiligen Pferd anpassen. Aus diesem Grunde möchte ich eine starke, andauernde Zugwirkung der Unterbäume nach hinten vermeiden: das Pferd soll seine Haltung zwanglos einnehmen.

Da ich immer noch vollauf mit der Evaluation der Nestier- und der „Normalen“ Kandare beschäftigt und überglücklich über die Super-Aufrichtung schon mit diesen beiden bin, habe ich die „Hohe Aufrichtung“ immer noch nicht fertiggestellt. Im Moment könnte ich mir sogar vorstellen, dass zukünftig verschiedene Varianten der Nestierkandare der Mainstream für die allermeisten Reiter werden könnte, doch wer weiß was ich noch herausfinden werde?







Update 23.02.19: Konstruktionsmanko bei meiner Nestierkandare



Beim gestrigen Ausritt bemerkte ich eine Veränderung in Pacos versammeltem Galopp bei Versuch ein Terre-A-Terre zu erzeugen, und nach dem Durchparieren sah ich, dass an seine Nestierkandare rechts beide (!) Ketten herab hingen, und das kam so:

Paco gehört zu den Pferden, die einen so starken Rücken haben (s. La Broue, Bd.II, Kap 23), dass sie sich beim ersten Angaloppieren immer zunächst ein bis dreimal schütteln müssen: er macht das, indem er die Vorhand etwas höher nimmt und dabei schlangengleich den Hals und Kopf windet. Gelegentlich wirft er dabei den (bzw. bei zusätzlichem Kappzaum: die) rechten Zügel über den Kopf auf die linke Seite, sodass plötzlich beide (bzw. alle vier) Zügel auf der linken Halsseite sind. Bei den alten, zu starken Kandaren warf er häufig den Kopf derart nach oben, dass die Kandarenunterbäume nach oben (!) kamen: die Kette war dann überhaupt nicht mehr wirksam, und ein Zügelanzug führte dann dazu, dass er seine Nase und Kopf höher brachte anstatt tiefer. Nicht selten löst sich auch die Kinnkette aus dem dem Kinnkettenhaken und hängt dann nutzlos herab, und dies war gestern auch passiert. Wenn die Kinnkette nicht mehr da ist, fällt die Kandare durch, das heißt, beim Zügelanzug wandern die Unterbäume ganz nach hinten in Richtung Reiter. Ein paar Tage vorher hatte ich noch einmal probiert, ob auch dünnere Sicherungssplinte ausreichen könnten, und leider vergessen, nach dem letzten Versuch den schon mit sehr starker Zugkraft getesteten Splint auszutauschen. Weil nun der Zügelanzug die Zugrichtung genau auf den geschwächten Splint lenkte, brach dieser, und der Kloben mit dem Zügelring rutschte heraus. Die Schaumkette, die bei diesem Prototypen einfach über den Klobenstift geworfen wird, verlor damit den Halt und hing nun ebenfalls herunter!

Zum Weiterreiten befestigt ich dann die Zügelschnalle direkt in der Rosette, bemerkte aber glücklicherweise nach dem Einhaken der Kinnkette, dass dieses zum Einwärtsbewegen der Oberbäume in Richtung Zähne führte (die Schaumkette, die dazu da ist, genau dies zu verhinder, hing ja nutzlos herab). So entschloss ich mich, die Kinnkette wieder auszuhängen und ritt so nach Hause, das Mundstück praktisch als reine Trense benutzend.

Diese Konstruktion hatte sich sowieso schon als unbefriedigend herausgestellt, weil die Rotation der Kloben, die eigentlich die Zügel ausdrehen soll, zum Eindrehen der Kinnkette führt, welche sich dann wieder zurückdreht, sodass man häufig mit in sich verdrehten Zügeln reitet.







Update 24.03.2019



Seit zwei Wochen habe ich die Trensenkandare mit den langen Unterbäumen, die ich „Hohe Aufrichtung“ getauft hatte, in Gebrauch. Bei dieser habe ich von vornherein das Klobenloch 2.5cm hinter die Linie des Banketts zurückgebracht, das entspricht ca. 5°.

Der erste Eindruck einer sehr komfortablen, sehr ruhigen Zügelführung hat sich bis heute bestätigt, die Pferde sind gelassener und gleichmäßiger, die Kandare fühlt sich sanft an.

(Ein Konstruktionsmanko ist die Positionierung der oberen Schaumkette, deren Höhe ich Π x Daumen festlegte, und die nun sehr dicht am Pferdemaul ist, was die Pferde allerdings nicht im Mindesten stört).

Die Pferde versammeln sich mit dieser Kandare leichter und besser, ohne ein betontes Anziehen der Zügel, und so ist wohl der Begriff „höhere Aufrichtung“ nicht so zu verstehen, dass man durch Anziehen der Zügel mit einer Rotation des Buges das Genick des Pferdes nach oben schiebt, wie ich gedacht hatte, sondern es kommt zu einem vermehrten Untertreten der Hinterfüße bei einem weiter vor- und höher Treten der Vorderbeine, was ein Leichterwerden der Vorhand bewirkt.

Diese ist bei weitem meine Lieblings-Trensenkandare geworden! In einigen Wochen werde ich sie variieren, indem ich das Klobenloch noch weiter hinter die Linie bringe, auf insgesamt 5cm.





Update 02.April 2019



Je länger ich erhobenen Demi-Volten (mit Demi-Courbetten (=Mezair) bzw. Courbetten) zu trainieren versuche, wird mir immer klarer, wie wichtig es ist, sich diese NICHT als Hinterhandwendung vorzustellen: nur wenn man vom Pferd ausdrücklich verlangt, mit den Hinterbeinen wirklich einen kleinen Kreis im Seitwärts zu gehen/zu springen, bleibt das Pferd in der Lektion, d.h. es fällt nicht plötzlich aus dem Takt und aus der Bewegungsrichtung.

Erzielt ma allerdings eine korrekte Demi-Volte, fällt es im Seitwärts-Schritt auf der Demi-Volte sogar immer wieder mal von allein in einen Galoppsprung/Terre-a-Terre-Sprung seitwärts, was als Vorstufe zum erhobenen Seitwärts durchaus begrüßenswert ist, und wenn man danach einen sehr kleinen Zirkel galoppieren möchte, fällt es sehr viel eher mal in einen sehr versammelten Schulgalopp mit einer sehr engen Wendung von 1 bis 2m Durchmesser des Kreises der Hinterhand.

Weil ich so viele Jahre lang Carrees und „eckige“ Volten gleichgesetzt hatte, und deren Ecken als Hinterhandwendung auf der Stelle gedacht und verlangt hatte, muss ich mich nun immer wieder sehr darauf konzentrieren, den kleinen Kreis zu verlangen und durchzuhalten. Eine Ursache für meinen Fehler ist auch eine ungenaue Zeichnung bei Gueriniere: Auf dem Stich „Les Voltes“ sieht man oben die Carrees, die er wirklich mit Hinterhandwendungen in den Ecken ausführt, bei denen die Hinterhand auf der Stelle bleibt. Bei den „Voltes ordinaires“ (den normalen Volten) werden zwar die verschiedenen Stellungen der Hinterfüße ganz gut dargestellt, aber nicht die Linie, die diese beim Seitwärts-Durchschreiten der Ecken beschreiben, denn diese ist in Wirklichkeit ein kleiner Viertelkreis, passend zu dem korrekt gezeichneten großen Viertelkreis der Vorderfüße.

So sollte man die „volte ordinaire“ vielleicht besser nicht mit „eckige Volte“ bezeichnen, denn ihre „Ecken“ sind ja deutlich abgerundet; besser wäre vielleicht, sie „Volte mit geraden Seiten“ oder „quadratische Volte“ zu nennen? (Das wäre dann wirklich die angeblich unmögliche „Quadratur des Kreises".. )

Hat man beim Reiten Guerinieres Zeichnung der volte ordinaire im Kopf, reitet man eher „die Figur“ (Hinterbeine entlang der Linie), denkt man sich dagegen die Ecken als rund im Seitwärts reitet man eher „die Lektion“.

Wenn das Pferd diesen kleinen Kreis der Hinterhand in der (Demi-)Volte verfälscht und in Richtung Hinterhandwendung zurück kriecht, bezeichnen La Broue und seine Nachfolger dies als „acculer“ (einengen, verengen, verkleinern), für das ich noch keine gute deutsche Entsprechung gefunden habe. Vielleicht sollten wir auch dieses Wort einfach aus dem Französischen in unsere akademische Sprache übernehmen? > „Nicht accülieren!“

Um die Wichtigkeit dieses kleinen Innenkreises der Hinterfüße hervorzuheben, halte ich z.B. die Bezeichnung „Basiskreis“ für angemessen. Dann könnte man auch sagen: „Achtung, nicht die Basis verlieren!“










Update 13.April 2019



Die Trensenkandare „Hohe Aufrichtung“ ist zu schwach gebaut, auf Dauer verziehen sich die langen Unterbäume, der Edelstahl ist weich und zäh. Biegt man sie zu oft in ihre richtige Position zurück, wird es sicher irgendwann einen Ermüdungsbruch geben. Ich werde sie verstärken müssen.

Möglicherweise verdient diese Kandare ihren Namen nur bei Pferden, die eine ideale Ganasche haben. In seinem Dictionnaire definiert Garsault die Ganasche als „die Rinne zwischen den beiden Ganaschenknochen, den dicken Ausläufern der Unterkieferleisten.“ Ein Pferd könne umso schlechter beigezäumt werden, je enger die Ganasche ist.

Habe bei Garsault wieder einmal gelesen, wie der Kunstreiter die Zügel nachgeben soll, und diesen Rat endlich ernst genommen: Der Reiter greift das Ende der Zügel mit der Gertenhand, gibt die Zügel in der Zügelhand frei und lässt die Gertenhand auf den Hals des Pferdes sinken. Hierbei bemerkt man sofort eine Entspannung in der Längsachse des Pferdes, dessen Körperhaltung durch den asymmetrischen Sitz bei der einhändigen Zügelführung vorher asymmetrisch war.

Dies bekräftigt meine Ansicht, dass es von einigem Nutzen ist, jeden Tag den Sitz zu wechsel: einen Tag den Rechtshändersitz, den nächsten den Linkhändersitz, um eine gleichmäßigere Gymnastizierung (von Pferd und Reiter) zu erreichen.

 




 

Update Ostern 2019: Der vollkommene Sitz



 

Wenn man immer mal wieder die Gerte nach unten trägt und die Gertenhand so dreht, wie es der alte Fritz zeigt, bekommt man ein gutes Gefühl für den richtigen Vorschub von Becken und Bauch des Reiters. Nach ein paar Wochen braucht man sich dann diese Handdrehung nur noch vorzustellen, bei aufrecht getragener Gerte, um den selben Effekt zu erzielen. Irgendwann erreicht man dann, bei einer Beinhaltung etwas vor dem Pferd und Handhaltung annähernd wie bei Prizelius (etwas supinierte und etwas im Handgelenk gebeugte Hände) den vollkommenen Reitersitz: nun hat sich das Brustbein des Reiters seinem Kinn angenähert und die Wirbelsäule steht genau richtig, und der Reiter fühlt sich wie ein hoher Herr mit einer entsprechend gravitätischen Ausstrahlung auch in sein Inneres, was eine äußerst hohe Zufriedenheit bei ihm bewirkt! Der Reiter würde in dieser Haltung auch beim Tanz eines Menuetts eine gute Figur machen!

Ich bin gespannt, ob ich es irgendwann schaffen werde, in jeder Reitsituation in diesem ungewohnten Sitz zu bleiben, denn meine normale Körperhaltung außerhalb des Sattels ist dies ja nicht; vielleicht ändert auch diese sich dann zum Vorteil?

 




 

Update 26.04.19


Weil ich die Trensenkandare mit den langen Unterbäumen erst verstärken muss, habe ich heute wieder bei Picasso (Paco ist für ein paar Wochen zum Deckeinsatz verreist) die mittellange, die ich "Normal" getauft hatte, benutzt. Der Unterschied war sehr deutlich zu spüren: Picasso spielt immer sehr viel mit dem Mundstück, und mit diesen kürzeren Unterbäumen kam jede Bewegung des Maules deutlich als Zug in meiner Hand an. Im Galopp musste ich zur Schonung des Mauls sogar bei jedem Sprung deutlich mit der Hand mitgehen, anstatt sie ruhig über dem Widerrist stehen lassen zu können: es stimmt also, was die alten Meister, u.a. Solleysel, immer wieder schreiben: je kürzer der Unterbaum, desto gröber die Einwirkung! Erst nach mehr als 30min hatten wir beide uns halbwegs daran gewöhnt!






 

Update 06.07.19: Der stolze Sitz


 

Den vollkommenen Sitz nenne ich seit einiger Zeit "stolzer Sitz", womit ich ihn sehr gut beschrieben finde.

Wenn der Reiter ihn anwendet, scheint ihm, er drücke damit für sich selbst, aber auch für sein Pferd und auch für die Menschen, denen er begegnet, eine besondere Wichtigkeit, eine besondere Bedeutung oder gesellschaftliche Stellung aus, was dazu führt, dass es dem Reiter tatsächlich so vorkommt, als sei das Reiten selbst zweit- oder gar drittrangig, und werde so nebenbei erledigt. Er fühlt sich wie auf einem Pferd, das ihn auf kleinste Hilfen hin dahin bringt, wohin er möchte, in allen Gangarten ganz ruhig, wendig, und das bei Bedarf auch mal repräsentativ seine Vorhand erhebt. Die Betonung liegt hier auf dem Wörtchen "auf", denn nun lässt er sich herrschaftlich tragen, sitzt fast schon über seinem Pferd, im vollen Vertrauen darauf, dass es keine Dummheiten machen wird, und selbst wenn, er so sicher ist, dass ihm nichts passieren wird.

Hierbei muss der Reiter aufpassen, dass er nicht affektiert wirkt, sondern dass alles ganz natürlich aussieht, wie alle alten Lehrmeister fordern.

Für diese Haltung zu Pferde ist einerseits sehr viel Vertrauen zum Pferd nötig, andererseits wird dieses Vertrauen produziert und um so mehr gestärkt, je häufiger und in je verschiedenartigeren Situationen man sie anwendet.