Die akademische Reitkunst



2004 entdeckte ich auf einem Ramschtisch auf der Pferd und Jagd für 10 Euro das Buch von Bent Branderup.

Mit diesem Buch, genauer mit dem Untertitel "für den anspruchsvollen Freizeitreiter", begann für mich ganz plötzlich eine vollkommen neue Sichtweise auf die Reiterei, es eröffnete tatsächlich mir, einem ganz normalen Menschen, die Möglichkeit, in Richtung Hohe Schule zu denken, was ich vorher nie gewagt hatte! So wurde es für mich zu dem wertvollsten aller Bücher, die ich je besessen habe!

Es gab nun nicht mehr nur den einen Weg, nämlich eine Bereiterlehre in Jerez, Wien oder Lissabon zu absolvieren, um ein sehr guter Reiter zu werden: ich selbst konnte tatsächlich von nun an hoffen, einige wichtige Schritte in diese Richtung zu gehen! Neben meiner Arbeit und meinen anderen Verpflichtungen, in meinem Tempo und mit den einfachen Mitteln, die mir zur Verfügung standen!



Die für mich wichtigsten Lehren in den letzten Jahren:

 


Pferde zeigen keinen Schmerz, es sei denn, er wird übermächtig! Für ein Fluchttier bedeutet es den sicheren Tod, Schmerzen zu zeigen (z.b. zu lahmen), denn dadurch würde es von den Raubtieren als leichte Beute erkannt!

Wir müssen also täglich alles Erdenkliche in Betracht ziehen und jedes kleinste Anzeichen für eine Störung im absoluten Wohlbefinden zu entdecken versuchen; denn wenn wir etwas bemerken, hat das Pferd wohl schon beträchtliche Schmerzen.

Dies ist für uns Menschen eine sehr schwierige Aufgabe, die täglich aktiv durchgeführt werden muss (vor allem mit wenig Erfahrung!), denn unser Verstand läuft meistens auf Autopilot und kann dann nur Dinge beurteilen, die ganz offensichtlich zu Tage treten.

Versteht ein Pferd eine weiche Hilfe nicht, schadet es nur, sie hart zu geben!!

Das Ziel eines guten Reiters muss auch für sein Pferd lauten: "Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper"! Das bedeutet, psychische Schäden durch alleinige Käfighaltung, mangelnden Auslauf, fehlende soziale Kontakte, Gewalttätigkeit, psychische Überforderung in der Arbeit können körperliche Schäden auslösen!

Umgekehrt führen ein nicht entdeckter Hufschaden, ein Muskelkater/-verspannung/-zerrung, ein falscher Sattel, eine rohe Hand oder eine körperliche Überforderung zu einem unwilligen, genervten oder ängstlichen Pferd, das sich nicht auf seine Lektionen konzentrieren kann.

Keine schlechte Pflege! Steinbrecht weist nicht ohne Grund deutlich darauf hin, dass der Reiter sein Pferd nur eine Stunde täglich selbst betreut, der Pferdepfleger/-wirt hingegen die restlichen 23 Stunden!

Die Lektionen der Ausbildung sind für das Pferd da und nicht das Pferd für die Lektionen! Sie sollen das Pferd in jeder Hinsicht gesund erhalten und es so für den Gebrauch in höchstem Maße fit machen.

Ein sehr schöner Spruch: "Bis zum Alter von 6 Jahren ist dein Pferd der Freund deiner Feinde, danach ist es dein Freund, und ab 12 ist es ein Pferd für Könige!"






Rationalisieren beim Reiten

 


Rationalisieren bedeutet, eine Handlung mit einer anscheinend vernünftigen (ratio = Vernunft) Erklärung auszustatten.

Auch in der Reitkunst mit ihren vielfältigen Herausforderungen an den Reiter wird häufig rationalisiert. Weil ihm diese scheinbar vernünftige Erklärung ausreicht, gewöhnt der Reiter sich vielleicht so sehr daran, dass so eine Handlung jahrzehntelang ausgeführt wird, ohne infrage gestellt oder gar korrigiert zu werden. Und machen alle denselben Fehler, wird jeder dieser Reiter noch darin bestärkt, und es wird fast unmöglich, sich dies abzugewöhnen und durch eine besseres Verhalten zu ersetzen.

Fragt man den Reiter, warum er fast permanent nach unten sieht, antwortet er ganz erstaunt darüber, dass jemand so eine dumme Frage stellen kann: „Ich muss ja kontrollieren, wie mein Pferd geht!“ Die darauf folgende Frage löst dann allerdings Ärgernis aus: Was kann ich denn durch den Blick nach unten kontrollieren? Ich kann weder sehen wie das Pferd die Beine bewegt oder gar wie es seine Hufe aufsetzt: die Schulter versperrt ja den Blick darauf. Die Schulterbewegung selbst bringt nur äußerst selten ein nützliche Information (einzige Ausnahme beim Anfänger: wenn man mit dem Touchieren an einem Schulterblatt kontrollieren will, ob das Pferd tatsächlich "schulterfreier“ geworden ist, d.h. ob es sich soweit auf der Hinterhand trägt, dass der unangenehme Touchée die Schulter sehr zucken lässt, was ja nur möglich ist, wenn es nicht „schwer auf der Schulter liegt“, wohingegen ein fortgeschrittener Reiter dies erspürt,ohne hinsehen zu müssen).

Auch die Halsbiegung kann der Reiter sehr gut beurteilen, ohne den Kopf und den Blick zu senken, und den Weg, den das Pferd gehen soll, sogar viel besser erkennen, wenn er sich mit erhobenem Kopf an weiter entfernten Wegmarken wie z.B. Zirkelpunkten orientieren kann, und Haltung und Geradegerichtetsein gut an horizontalen Linien, wie z.B. dem Oberrand der Banden beurteilen. Trägt der Reiter den Kopf fast permanent hoch, stellt er irgendwann erstaunt fest, dass er in Wirklichkeit jede Bewegung des Pferdes erfühlt und hinzusehen keinerlei zusätzliche Information verschafft (Ausnahme: wenn der Anfänger nicht fühlen kann, ob das Pferd Links- oder Rechtsgalopp geht).


In Wirklichkeit kommt das Nach-unten-Sehen des Reiters durch das fehlerhafte Eindrehen der Schultern in Folge einer falschen Handhaltung (pronierte anstatt korrekt etwas supinierter Hände).
 

Ein Grund dafür, warum es manchen Reitern schwer fällt, diese Haltung zu korrigieren, kann eine Unsicherheit des Reiters oder mangelndes Vertrauen zum Pferd sein: wenn er eingerollte Schultern hat, liegt er ja dem Pferd auf der Vorhand und hat so das Gefühl, es könne deshalb nicht so leicht plötzlich vorwärts preschen (wozu manche Pferde mit hohem Heißblüteranteil ja neigen): so wird allerdings die "eigentlich" gewünschte Leichtigkeit der Vorhand aus Angst lieber behindert, und dadurch das Pferd dauernd gebremst.

Das Wort „eigentlich“ zeigt ein Rationalisieren sehr genau an, es bedeutet ja, dass man wider besseres Wissen gehandelt hat, also irrational (=unvernünftig): "Eigentlich weiss ich ja, dass man den Kopf aufrecht halten und den Blick nach vorn richten soll, aber…"













Soll ich das volle Potential des Knabstruppers ausnutzen?

 



Wenn man sich meine Beschreibung des Knabstrupper Potentials durchliest, ist man erstaunt, dass Pferde dieser Rasse eigentlich für fast alles geeignet sind (natürlich gilt dies nur für den "Hausgebrauch" als Freizeitpferd und bedeutet nicht, dass es in allen Hochleistungs-Disziplinen in der obersten Liga mitspielen kann: er kann weder ein Mächtigkeitsspringen gewinnen, noch Trabrennweltmeister werden!

Hat man ein so vielseitig einsetzbares Pferd, ist es natürlich sehr verlockend, es in alle Richtungen auszuprobieren und es als wirkliches Vielseitigkeitspferd einzusetzen: mal vor der Kutsche, mal im Springparcours, mal auf einer Jagd mit nicht zu schweren Sprüngen oder als Wanderreitpferd und dann wieder als Dressurpferd (sozusagen als „eierlegende Wollmilchsau“).

Man muss aber trotz aller theoretisch offenen Möglichkeiten immer daran denken, dass die Ausbildung in eine oder mehrere Richtungen auch sehr schwere Nachteile für andere Bereiche mit sich bringen kann! Wenn ich nämlich z.B. irgendwann erkenne, dass die ultimative Ausbildung für mich die Dressur, vielleicht sogar die akademische Reitweise ist, muss ich mein Pferd evtl. sehr stark umstellen und werde mich ärgern, dass einige langwierige Hindernisse hätten völlig vermieden werden können.

Der wichtigste Fehler ist eine starke Gebisseinwirkung, bzw. Handeinwirkung: alle Reitweisen, die mit Geschwindigkeit und starkem Schub zu tun haben, erfordern diese das Pferdemaul abstumpfende Tätigkeit: ich kennen keinen Spring- oder Jagdreiter, der sein Pferd in diesen Disziplinen nur mit dem Sitz und ohne deutliche Handeinwirkung reiten kann. Genauso ist ein Kutschpferd ohne deutliche Gebisseinwirkung nicht zu bremsen oder zu lenken. Hat das Pferd hingegen noch ein weiches, empfindliches Maul, ist die angestrebte Leichtigkeit in der Dressur wesentlich schneller und für Pferd und Reiter angenehmer zu erreichen!







Reitkunst im Gelände

 

 

Für den Freizeitreiter besonders wichtig sind die Ergebnisse seiner Reitkunstübungen im Gelände: ein Pferd, das nicht aus Angst gehorcht, sondern vom Reiter sanft zur Mitarbeit gebeten wird, wie es die akademische Reitkunst lehrt, wird sich im Gefahrenfall vertrauensvoll an seinen Reiter wenden, um zu entscheiden, was es tun soll und nicht der evtl. größeren Furcht vor anderen Dingen als der Reitergewalt nachgeben und durchgehen.

Ein wendiges, geschultes Pferd erlaubt das Schließen eines Tores vom Sattel aus, ist sehr bequem zu sitzen und hat eine wesentlich längere „Haltbarkeit“, da seine Gelenke durch die enorm erhöhte Trittsicherheit und die Verlagerung des Pferdegewichts in Richtung der Hinterhand maximal geschont und verbessert werden.

Zudem ist schon ein nur etwas höher geschultes Pferd äußerst hilfreich z.B. beim Durchreiten engstehender Bäume, um Knieverletzungen des Reiters zu vermeiden, was bei einem Campagnepferd, das gerade so eben gelernt hat, den inneren Schenkel zu akzeptieren, schon öfter mal vorkommen kann.

Hat ein höher geschultes Pferd mehr Kraft und Präzision in der Hinterhand, kann es im Notfall natürlich auch sicherer springen, was es im Vertrauen auf den Reiter auch willig machen wird, so lange das Hindernis Größe  und Ausbildungsstand des Pferdes angepasst bleibt und es nicht sehr häufig springen muss.

 









Entwicklung der Reitkunst



 

Wichtige Bücher über die Reitkunst:




380 v.Chr. "Über die Reitkunst", Xenophon (*430 v. Chr. - †355 v. Chr.) (griech.)


1550 "Ordini di cavalcare", Grisone (*1507-†1570) (ital.)


1556 "Trattato dell’imbrigliare, atteggiare e ferrare cavalli", Cesare Fiaschi ( † 1571)


1562 "Il Cavallerizzo", Claudio Corte (ital.)


1567 "La Gloria del cavallo", Pasquale Caraciollo (ital.)


1584 "The Art of Riding According to Claudio Corte", Thomas Beddingfield, London, (engl.)


1584 "The Art of Riding: A Discourse of Horssemanship", John Astley, London


1595 "Le cavalerice francois", La Broue (*1530- †1610?) , La Rochelle, (frz.)


1609 "Della Cavalleria", Löhneysen (*1552-†1622) , Remlingen,(dt.)


1623 "La Maneige Royale", Pluvinel (posthum) (frz.)


1625 "L'instruction du Roy....", Pluvinel (posthum) (frz.)


1650 "Il cavallo del maneggio",Giovan Battista di Galiberto (ital.)


1658 "La Methode General...", William Cavendish/Newcastle (*1593 - †1676) (frz.)


1667 "A New Method...", William Cavebdish/Newcastle (engl.) : stark abgeänderte Übersetzung ins Franz. 1677 von Solleysel;


1677 "Methode nouvelle ", Jaques Solleysel, stark veränderte Überstzg des engl. Newcastle von1657; Paris, (frz.)


1696 "L'Arte del Cavallo", Nicola und Luiggi di Santapaulina; Padua (ital.)


1700 "Neu eröffnete Reitbahn", Übersetzung des Solleysels von 1677, Nürnberg (dt.)


1722 "Neue Reit-Kunst", Johann Elias Ridinger (dt.)


1727 "Manege moderne..", Friedrich Wilhelm von Eisenberg (London) (frz.)


1733 "Ecole de Cavallerie", Francois Robichon de la Gueriniere, (*1666-†1751) (frz.)


1747 "Dictionnaire des Termes du manége Moderne", Eisenberg


1748 "Wohleingerichtete Reitschule...", Eisenberg, Übersetzung der Manege Moderne,  Zürich (dt.)


1756 "L'Art de Cavalerie", Gaspard de Saunier (posthum) (*1663 -†1748), Paris, (frz.)


1760 "Vorstellung und Beschreibung...", Ridinger (*1698 -†1767) , Augsburg, (dt.)


1774 "Der Bereiter", Johann Gottfried Prizelius, Braunschweig, (dt.)


1777 "Vollständige Pferdewissenschaft", Johann Gottfried Prizelius, Leipzig,(dt.),


1790 "Arte da Cavalleria", Andrade (*1755-†1817) (port,)


1791 "Die Reitkunst", Daniel Knölls Gueriniere Übersetzung , Marburg, (dt.)