Forschungsobjekt Guérinière-Sitz


 

 

Seit einigen Monaten wende ich den Sitz nach Guérinière etwas abgewandelt an und habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht.

Bei diesem Reitersitz sollen die Reiterbeine nach vorn gehalten werden, "vor dem Pferd" (Salomon de la Broue), und diesen Platz fast immer beibehalten.

Das Kinn soll hoch getragen und die Brustwirbelsäule etwas nach vorn geschoben werden, ohne die Schulterblätter hinten zu sehr zusammenzuziehen, in etwa wie bei einem 100m Läufer, der als erster das Zielband durchreißen möchte

Guérinières Grundhaltung besteht weiterhin aus einer über dem Widerrist aufrecht stehenden Faust, in der die Zügel einhändig links geführt werden, Zäumung auf blanke Kandare, oberer Zügel zwischen 4.und 5. Finger, unterer Zügel um den Kleinfinger herum. 

Wenn das Pferd nicht gut ausgebildet ist, muss der rechte Zügel aber gelegentlich mit der rechten Hand gegriffen werden, dafür wird dann die Gertenhand eine Fausthöhe tiefer als die Zügelhand gestellt; ansonsten steht die Gertenhand auf gleicher Höhe wie die Zügelhand und nahe bei dieser. Um mein Gleichgewicht in dieser Haltung zu trainieren, wende ich sie häufig an, auch ohne die Zügel getrennt zu führen.

 

Der Daumen der Zügelfaust ist oben, der kleine Finger unten. Diese Haltung wird nur äußerst minimal verändert. Die Faust steht senkrecht sowohl in seitlicher als auch in Längsrichtung,so als trüge man eine Gerte senkrecht darin (gefühlt allerdings zum geraden Gerade-Reiten minimal zu der Seite der Zügelhand gekippt [meist links]). Der Daumen zeigt immer nach vorn und liegt parallel zur Wirbelsäule des Pferdes.

Guérinière hebt zum Versammeln die Zügelfaust und senkt sie wieder zum Zulegen.    

 

Meine Abwandlung besteht darin, dass ich zum Zulegen das PIP-Gelenk (Gelenk zwischen dem Grund- und dem Mittelglied) des Zügelfaustkleinfinger s nach vorne schiebe und damit die senkrecht stehende Faust so kippe, dass der untere Teil nach vorne zeigt (als wolle man mit einer senkrecht in der Zügelfaust getragenen Gerte sich selbst in der Mitte seiner Stirn touchieren):  im Extremfall kann der Reiter die Fingerrücken der Grundglieder der Finger zwei bis vier sehen. (Das ist sehr anspruchsvoll in Linksbiegung, schon ohne das Vorschieben des Kleinfingers,wie auch schon Andrade schrieb!). So entsteht eine radiale Abknickung des Handgelenks (= zum Radius (dt.: Speiche) hin). Die Bewegung des Handgelenks gleicht der Bewegung der unteren Hand am Stechpaddel in einem Kanadier beim Rückwärtspaddeln: die resultierende Rückenspannung ebenso. Als Bezeichnung  für diese Bewegung schlage ich den Namen "Pinky-Push" vor (Pinky = engl. für "Kleinfinger").Zum Versammeln dagegen ziehe ich den Kleinfinger nach hinten Richtung Reiterbauch, damit wird die Faust so gekippt, dass im Extremfall für den Reiter der Daumennagel nicht mehr sichtbar ist (als wollte man mit einer senkrecht in der Zügelfaust getragenen Gerte das Pferd mitten zwischen den Ohren touchieren).  Hier entsteht eine ulnare Abknickung des Handgelenks (zur Ulna, dt.: Elle) hin. Für diese Bewegung schlage ich den Namen "Pinky-Pull" vor. In beiden Fällen bleibt der Daumen in derselben Lage wie vorher.

 Die rechte Hand wird auf den meisten seiner Bilder in Supination gehalten (Supination  ist die Haltung der Handfläche nach oben (Gedächtniskrücke: "als wolle man Suppe aus der Hand essen"); das Gegenteil, Handrücken nach oben, bezeichnet man als Pronation. Auch mit dem Vorschieben des Kleinfingers der Gertenhand kann man das Zulegen unterstützen: Pinky-Push der Gertenhand (sie muss dafür aber die Supination aufgeben und sich aufrecht stellen).    

 
 

 



 

 

Das Zulegen erfolgt erstaunlich spontan: schon während des Pinky-Pushes, als nehme man den Druck von einer Stahlfeder! Das Versammeln durch den Pinky-Pull hingegen erfolgt so sanft, dass ich immer zwei bis drei Schritte/Tritte brauche, um es zu registrieren.

  


Forschungsteil A wäre die Bestätigung folgender Thesen durch andere Reiter:

1. Das Zulegen durch den Pinky-Push (= Vorschieben des Kleinfinger-PIP Gelenks der Zügelhand) kommt nicht durch die winzige Gewichtsverschiebung des kleinen Teils der Faust Richtung Vorhand zustande, sondern durch die enstehende Muskelspannung im Reiterrücken, die den Reiterbauch  nach vorn kommen läßt und deshalb das Reiterbecken minimal nach vorn kippt.

2. Das Versammeln durch den Pinky-Pull kommt ebenso hauptsächlich dadurch zustande, dass der Reiterbauch beim Zurückführen des Kleinfingers eingezogen wird und dadurch das Reiterbecken zum Nachhintenkippen kommt.

3. Die Supinationshaltung der Gertenhand hebt die Blockierung des rechten Schultergelenks auf, dieses kommt etwas nach hinten und fühlt sich freier an. Der rechte Oberarm legt sich an den Brustkorb des Reiters,  der jetzt ausgewogener sitzt.

4. Drückt man bei nach vorn genommenen Beinen die Vorfüße in den Steigbügel, kommen die Fersen etwas hoch und die Oberschenkelmuskeln entfernen sich vom Brustkorb des Pferdes, dies führt zu einer größeren Rotationsfreiheit des Pferdebrustkorbes beim Versammeln (nicht zu verwechseln mit dem einfachen Hochziehen der Fersen!).

 


Forschungsteil B wäre dann bei Bestätigung einer oder mehrerer meiner Thesen in A der Versuch, dazu passende Muskelbewegungsketten beim Reiter darzustellen (dazu könnten auch Orthopäden, Physiotherapeuten und Osteopathen etwas beitragen): denkbar wäre z.B.: „Der Pinky-Push (das radiale Kippen der Zügelfaust) zum Zulegen führt über ein Anspannen der radialen Handabduktoren zu einer Anspannung des Muskulus triceps brachii, das wiederum zu einem Abkippen des unteren Schulterblattes mit Druck auf die Rippen, was wiederum zu einer steileren Stellung der  BWS führt und dies wiederum zu einer verstärkten LWS-Lordose, die das Reiterbecken nach vorn abkippen läßt. Das alles mit Bennung der einzelnen Muskeln und deren Bewegungen, ggf. auch deren Gegenspielern.

Oder vielleicht für die Pronation der Gertenhand: „Die Blockierung der rechten Reiterschulter bei pronierter Gertenhand resultiert aus der Anspannung des Muskels X, die zum Festhalten des gleichseitigen Schultergelenks und reflektorisch über eine Anspannung des langen Rückenmuskels zu einem Heben des Beckens linkssseitig durch den Muskel Z und damit zu einem Verschieben des Reiterkörpers oberhalb seines Beckens nach rechts führt.“

Wenn genügend Reiter Teil A überprüft haben, würde ich gern eine Diskussionplattform o.ä. aufbauen für alle, die an Teil B mitwirken werden.


Dr. Daniel Ahlwes, Schimmerwald, Juli 2016

P.S.:Vorsicht: wenn man die Beine nach vorn hält, darf man dort vorn die Sporen nicht einsetzen: man trifft dabei häufig den ungeschützten Ellenbogenknochen des Pferdes, trotz stumpfer, abgerundeter Sporen sehr schmerzhaft!)

 

 

 Gründe für den Guérinière Grundsitz:

 

Ich stimme der Meinung zu, dass die Stange von beträchtlichem Nutzen ist. Des weiteren halte ich die einhändige Zügelführung in den meisten Situationen für überlegen (die beidhändige verwende ich bei blanker Kandare nur in ausgesuchten Ausnahmesituationen).

Mein zweimonatiger Test mit dem akademischen Hackamore hat gezeigt, dass der Sitz damit genauso wirksam ist, deshalb nehme ich an, unter Cavemore und sogar einhändig geführtem Kappzaum wird es auch gehen.

  Wenn man bei der einhändigen Zügelführung nicht nur mit einem dominanten Zügel arbeiten möchte, der nur an einer Seite des Pferdehalses anliegt (wie z.B. beim Marc Aurel-Denkmal), sondern  beide Zügel mit gleichem Druck auf die Haut des Pferdehalses einwirken lassen möchte, ist damit die Zügelfausthaltung in der Mitte vorgegeben: bei Guérinière im gebogenen oder geraden Geradeaus senkrecht mittig über dem Widerrist, mit nach vorne zeigendem Daumen, der parallel zum Widerristverlauf steht.

 Da die Mitte über dem Widerrist von der Zügelhand besetzt ist, muss man damit leben, dass es hierbei keine Symmetrie des Reiteroberkörpers geben kann, und versuchen, einen entsprechenden Ausgleich zu finden um das Reitergleichgewicht irgendwie wiederherzustellen.

 Die Haltung der Zügelfaust (senkrecht stehend mir geringer Kippung der Faust nach links) stellt eine beginnende Supination auch der linken Hand dar: diese führt dazu, dass der linke Oberarm an den Brustkorb geführt wird und relativ stabil in dieser Lage gehalten wird.

 Die Supination der Gertenhand führt als Ausgleich nun nicht nur dazu, dass die rechte, blockierte Schulter frei wird, es legt sich dabei auch der rechtsseitige Bizepsmuskel mehr an den Brustkorb des Reiters an und gleicht damit die Oberarmhaltung  der linken Seite aus.

Zum Abwenden kippt man die  Zügelfaust so, dass der (wie immer nach vorn zeigende) Daumen nach aussen wandert, bei feststehender Basis der Zügelfaust, und löst damit eine winzige Druckdifferenz des Zügeldrucks am Pferdehals aus, die eine prompte und punktgenau steuerbare Wendung des Pferdes hervorruft.

 Zur Unterstützung der Rechtsbiegung legt Guérinière die Gerte, supiniert gehalten, quer über Zügel und Hals nach links. Beim Linksbiegen hält man in Supination die Gerte in einigem Abstand rechts parallel zum Pferdehals. Möchte man hierbei nicht versammeln, muss man darauf achten den Pinky-Push anzuwenden (also den Kleinfinger deutlich vorzuschieben).


Mein Plan zum weiteren Selbstunterricht (unter gelegentlicher, regelmäßiger Supervision mit hochkarätiger Hilfe zur Selbsthilfe durch den MdAR Marius Schneider), ist es, zunächst für einige weitere Monate den Guérinière Grundsitz einzuüben, mit dem Ziel, in jeder Reiteinheit wenigstens ein Drittel der Zeit in einer guten Annäherung an diesen Sitz zu reiten. Erst danach werde ich versuchen, den viel komplizierteren erweiterten Sitz nach Guérinière zu trainieren:

 Guérinière zeigt nämlich auf vielen Bildern ein zusätzliches Merkmal: für eine stärkere Rechtsstellung im Pferdehals  benutzt er den kleinen Finger der Gertenhand, um in den rechten Zügel zu greifen: so reitet er dann aber in Wirklichkeit mit getrennten Kandarenzügeln!  Das erfordert eine sehr große Sicherheit im Grundsitz und in der getrennten Zügelführung, weil es schnell zu einer sehr starken und ungleichmäßigen Einwirkung an beiden Zügeln kommen kann!

 Er stellt dabei die Gertenhand eine Fausthöhe tiefer als die linke, sie bleibt in Supination, nimmt nur noch „nebenbei“ den kleinen Finger für den nun viel tiefer verlaufenden rechten Zügel hinzu.

 Ist seine Grundhaltung schon ziemlich anspruchsvoll, erreicht der Reiter hier schon eine kleine Meisterschaft, wenn er dies korrekt ausführen kann!

Als intermediäre Zügelführung kann man den kleinen Finger der Zügelhand in Richtung Gertenseite ausstrecken und damit den Zügel etwas abstoßen, um die gertenseitige Biegung unterstützen.

 

 

Update August 2016:

Inzwischen sehe ich den Guérinière Grundsitz als sehr verlässliches Fundament meines Sitzes an, dessen wichtigste Stützpfeiler meine fast immer nach vorne gehaltenen Beine plus die fast immer aufrecht, ca. 10% supiniert gehaltene Zügelhand und die 30-90° supinierte Gertenhand sind (die aufrecht stehende Faust als Basis wird hier mit 0° bezeichnet, von der aus  90° Supination in die eine und 90° Pronation in die andere Richtung möglich ist).

Gelegentlich noch notwendige große Bewegungen der Gertenhand können an diesen stabilen Elementen sehr gezielt angelehnt werden.

Die meisten Reiter werden frustrane Erlebnisse mit der Nicht-Reproduzierbarkeit bestimmter Hilfengebungen kennen: führt man z.B. den Gertenoberarm an den Oberkörper, kann es sein, dass man damit ein weiches, promptes Kruppheraus zur Gegenseite auslöst. Wenn das fünfmal gut geklappt hatte, freute man sich unbändig, eine neue schöne Hilfengebung gefunden zu haben. Leider klappte es dann plötzlich für Monate nicht mehr oder kaum noch!!

Die Ursache sehe ich nun, zumindest zu einem großen Teil, darin, dass das Anlegen des Oberarmes an den Brustkorb in Pronationsstellung der Hand einen ganz anderen, oft sogar gegenteiligen Einfluss hat als in Supinationsstellung der Hand! Deshalb achte ich jetzt sehr auf diese Rotation der Unterarme: so wird der Hieb meiner Gerte, mit der ich als Blankwaffenersatz Brombeerranken, Distelköpfe usw. attackiere, sehr viel sicherer und weicher in Supination (entsprechend dem Vorhandschlag beim Tennis und beim Polo: hierbei kommt allerdings eine beträchtliche Aussenrotationsfähigkeit im Schultergelenek ins Spiel!).

Auch das Touchieren der Kruppe/Hinterhand auf beiden Seiten versuche ich nun immer in Supination der Gertenhand auszuführen; wenn ich z.B dazu (zur gebogenen Seite) die Gertenhand vorn um meinen Bauch herum nach hinten führe, geht das nur so, denn in Pronation würde sich meine Wirbelsäule deutlich verwerfen und Takt und Bewegung des Pferdes schwer stören.

Diese starke Drehung des Oberkörpers nutze ich auch gern als Gymnastizierung meiner rechten Schulter, die hierdurch freier wird und viel mehr nach vorn kommen kann (und als Vorbereitung für einen Werkzeuggebrauch auf der "falschen" Seite!). Man muss natürlich aufpassen, das dabei die Zügelhand ihren Platz über dem Widerrist nicht verlässt, was ein wenig anspruchsvoll ist!

Die letzten drei Sätze  zeigen allerdings, dass ich auch noch die Gebrauchsreiterei im Auge habe: Der Guérinière Sitz hingegen ist ja reine "L'Art pour l'art" (Kunst nur für die Kunst). Hier wäre das schönste Kompliment vielleicht, wenn Baron von Eisenberg (1748) meinen Reitstil wie den des Rittmeisters von Regenthal bewunderte:" Ich habe niemals einen Reiter gesehen, der steiffer zu Pferde gesessen wäre oder der die Vortheile sonderheitlich der Beine besser  gewusst hätte als er! Es war eine rechte Freude anzusehen..!" (Im Kommentar zu Tafel 37 hier auf Seite 76 ).


 

Update 2:



Gueriniere durfte sich allerdings nicht so weit von der Gebrauchsreiterei entfernen, dass er auf den Rechtshändersitz verzichten konnte/wollte. Wir sind heute freier als er und lassen auch den Linkshändersitz, mit Vertauschen der Gerten- bzw. Zügelhand, zu.

So kann ich der  Schwierigkeit, den kleinen Finger in den rechten Zügel einzuhaken (und damit dem Reiten mit getrennten Zügeln) manchmal aus dem Weg gehen, indem ich zeitweise die Zügel in die rechte Hand wechsele. Im Linkshändersitz kann nun der rechte Kleinfinger die größere Bewegungsfreiheit nutzen um das Pferd im Hals schonender zu stellen; ausserdem ist nun die Gerte zum Verstärken der Rechtsstellung nicht mehr nur eingeschränkt quer über den Hals des Pferdes, sondern voll parallel links des Pferdehalses einsetzbar.

Das bedeutet bei Zulassen des Wechsels in den Linkshändersitz bei Bedarf, dass die Gerte nun bei Bedarf auf beiden Händen aussen getragen werden kann!

 

 


Update 15. September 2016:

Mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass für das einhändige Reiten dieser Sitz der neue Referenzsitz in der akademischen Reitweise  werden wird, an dem sich alle anderen werden messen lassen müssen. Grobere, unpräzisere Hilfen entfallen ganz, viele Hilfen werden unsichtbar und das Pferd geht sehr viel freier und ungezwungener: die Anmut des Pferdes bleibt erhalten.

Durch den festgelegten Grundsitz kommt der Anfänger viel schneller vorwärts und der Fortgeschrittene kann an diese feste Struktur wunderbar Neuerungen/Änderungen anlehnen und deren Auswirkungen genauestens evaluieren.

Vielleicht werden wir schon bald an die Exzellenz eines Barons von Eisenberg oder Guerinieres herankommen und so auch schöne Schulen über der Erde viel mehr Reitern ermöglichen?



Update 26.Sept.:

 

Mit dem Pinky-Push (dem Vorschieben des Kleinfingers der Zügelfaust) wird das Vorschicken des Pferdes (in Kombination mit bedarfsweiser Unterstützung durch die Gerte) so einfach, dass die Reiterbeine sich immer längere Zeit und immer weiter vom Pferdebauch entfernen können und mit der Zeit sogar eine Drehung der Fersen vom Pferd weg langandauernd möglich ist. Das führt zum Wegdrehen des Wadenmuskels und zu einem noch freieren Gang des Pferdes (ein Hindrehen des Wadenmuskels zum Pferd innen findet nur noch kurzzeitig und bedarfsweise statt).


Das zusätzliche leichte Hochziehen der Fersen führt zu einer Versteifung von Sprung- und Kniegelenken des Reiters und aus dieser resultiert ein dauernd gleichbleibender Abstand von Fußballen zu Gesäß (ein wenig „steht der Reiter in den Bügeln“, vergleichbar einem „Sitz“ auf einem Stehhocker).


Dadurch wird ein Plumpsen in den Sattel verhindert und beim Traben oder Galoppieren entsteht ein immer gleicher angenehmer Sitzdruck im Sattel, ganz unabhängig von steifen Gängen des Pferdes oder evtl. steilstehenden Fesselgelenken. Es kommt zu keinem „Auswischen“ des Sattels mehr und der Reiter sitzt immer an derselben Stelle im/auf dem Sattel. Die Federung des Reiters findet nun gleichmäßig in allen seinen minimal nachgebenden Hüft-, Knie- und Sprunggelenken statt.




Update 28.Sept. 2016: 


Inzwischen wird die Gleichartigkeit des Gueriniere-Sitzes, mit supinierten Händen, mit dem Lotossitz im Yoga klar: Der Lotossitz erzeugt die bestmögliche Haltung der menschlichen Wirbelsäule auch für extrem langes Sitzen: Die (hierbei fast maximale) Supination der Hände führt zu einem Zurückführen der Schultern, einem Öffnen des Brustkorbes nach vorn und hierdurch einer physiologischen Stellung der Brustwirbelsäule (der Kyphose). Die nun richtig stehende LWS (Lordose) und BWS (Kyphose) ermöglicht jetzt auch der Halswirbelsäule das Einnehmen der besten Stellung (Lordose) und konsekutiv dem Kopf eine ermüdungsfreie Haltung mit erhobenem Kinn.

Die bisher überwiegende  Pronation der Hände führte dagegen zu einer Einengung des Brustkorbes durch die nach vorn wandernden Schultern: Es entstand ein unphysiologischer "Buckel" (Hyperkyphose) in meiner BWS, die auch als falscher Knick bezeichnet werden kann, der genauso wie der falsche Knick in der Pferde-HWS an dieser Stelle einen Stopp für die Schwingungen in der Reiterwirbelsäule bewirkt. Kein Wunder, dass mein Kopf zu häufig nach unten kam: er hatte ja kaum Unterstützung bei dieser schlecht stehenden BWS und HWS!

  Diese Haltung ergab ein  Nachvornfallen des Oberkörpers und konsekutiv eine Belastung der Vorhand. Zusätzlich führte diese WS-Haltung zu einem Abkippen meines Beckens nach hinten, die Hilfe für ein Versammeln: deshalb trat das Pferd häufig hinten kürzer, während es auf der Vorhand lief.

Der Guerinieresitz bewirkt das Gegenteil: durch die aufrecht stehende, minmal supinierte Zügelfaust und die meist stärkere Supination der Gertenhand werden die Schultern zurückgeführt, der Brustkorb öffnet sich nach vorn, die BWS und LWS richten sich auf und die HWS wird ebenso physiologisch gestellt: Man kann den Kopf ermüdungsfrei aufrecht tragen. Die Abkippung des Beckens kommt in eine neutrale, aufrechte Lage, weder versammelnd nach hinten, noch zulegend nach vorn gekippt.



 

 

Update 19.10.16:


Endlich geht es in großen Schritten voran: nach vielen Jahren mühsamen Rumdümpelns auf der Vorhand gibt es nun in jeder Woche einen deutlichen Fortschritt: war Paco früher „stätig“(= sich zurückhaltend) und sehr „triebig“ (musste dauernd sehr stark getrieben werden), was zu einem dauernd klopfendem Schenkel führte, gehen er und Picasso heute meist sehr viel leichter und in einem frischen Tempo, ein gelegentliches leichtes Treiben mit der Gerte genügt, wenn der Pinky-Push nicht ausreichen sollte. (Picasso hatte ja durch diesen zurückhaltenden Sitz sogar die Angewohnheit, beim Angaloppieren im Terre-a-Terre zu beginnen und sich dann von mir in einen ordentlichen Feldgalopp schieben zu lassen!).

Alles bisher Gelernte lässt sich nun wunderbar integrieren, und, auch für mich noch unglaublich: ich kann Paco jetzt im Fellsattel ohne Bügel und Zügel, nur mit Gertenlenkung und supinierten Händen in der Halle ganze Bahn und auf dem Zirkel ruhig und gleichmäßig galoppieren, freihändig also! Ohne mit den zur Seite komplett weg gehaltenen Beinen in irgendeiner Weise zu klemmen, nur auf meine Sitzbeinen Kontakt mit dem Pferderücken zu haben, in völlig ausbalanciertem Gleichgewicht: ein wunderbares Gefühl!

Seit 10 Tagen reite ich ohne Sporen (zum ersten Mal nach 10 Jahren!) und merke erst jetzt, welchen negativen Einfluss ihr Einsatz auf den Takt und die fließende Bewegung des Pferdes hatte.

Zum Testen der Anleitung Eisenbergs zum Erzielen des Schulterhereins habe ich jetzt wieder den Kappzaum zur Kandare dazugenommen. Eisenberg zieht den inneren Kappzaumzügel an (bei losen Kandarenzügeln) und bringt damit den Kopf nach innen, dann schiebt er diese Hand auf die äußere Seite des Widerrists (erzeugt so einen um sich herum biegenden Zügel). Bei Bedarf nutzt er den äußeren Kappzaumzügel als von sich wegschiebenden Zügel (den Hals und die Schulter des Pferdes nach innen schiebend) wenn die Sitzhilfe allein nicht ausreicht. Mit supinierten Händen geht das alles verblüffend leicht und wunderbar präzise!

Bei 1:3 bzw. 3:1 Zügelführung ergibt sich dann das Problem, dass man sich entscheiden muss, was man mit der Gertenhand tun möchte: entweder die Gerte parallel zum Hals einsetzen (führt zum Lockerlassen des Gertenhandzügels) oder diesen Zügel benutzen (dann ist die Gerte nicht voll einsetzbar).

Dieses Problem umgeht man mit 0:4 bzw. 4:0 Zügelführung: auch hierbei kann man o.g. Schulterhereinmanöver zuverlässig ausführen und hat dabei eine volle Einsatzfähigkeit der Gerte.

Zum Geraderichten beim Geradeausreiten im Gelände eine wunderbar hilfreiche Lektion!




25.10.16. Entdeckung des Tages: Pinky-Push Blockaden gefunden:

Bei der Zügelführung 1:3 oder 3:1 wird bisher empfohlen, den einzelnen Zügel der Gertenhand zwischen dem 4. und dem 5. Finger zu führen.  Jetzt ist mir aufgefallen, dass dies ein Zurückziehen des Bauches bewirkt, genau das Gegenteil der Pinky-Push-Wirkung! Möchte man dies vermeiden, muss man auch auf der Gertenseite den Zügel um den 5. Finger laufen lassen, denn dann passiert das nicht! (Ich hatte mir schon länger Gedanken gemacht, warum beim Englischreiten (mit der dabei meist üblichen aufrechten Haltung der Zügelfäuste wie bei der Grundstellung des Guerinieresitzes) der Pinky Push nie gefunden wurde: nun haben wir die Antwort darauf!).

Auch der Pinky-Push der Zügelhand wird mit 3 Zügeln schwieriger, weil er seine volle Wirkung nur entfaltet, wenn man auch den 4. Finger bewußt nach vorn mitschiebt.



26.10.16: Zwei weitere Pinky-Push Blockaden entdeckt:

 

Fasst man die Gerte (Fleck Dressurgerte) so, wie ich es bisher gewohnt war, indem man die untere Olive in der Faust hält, wird der Pinky-Push stark behindert: man muss die Hand also etwas höher zwischen den beiden Holzoliven am dünnen Schaft positionieren.

Ausserdem darf man den Daumen nicht aufrecht gegen den Gertenschaft drücken: das schadet genauso; man darf den Daumen nur auf den Kappzaumzügel legen!

Resultat: Die Gertenhaltung wird etwas schwammiger (man hält den Gertenschaft wie einen Blumenstrauß), dafür ist nun das Zulegen durch den Pinky-Push der Gertenhand seitengleicher und effektiver (die Gerte kommt nun allerdings dabei der Mitte der Reiterstirn etwas näher!).



31.11.2016: Tipps für Mitforscher:

 

Pinky-Push und Pinky-Pull: biomechanische Zusammenhänge

 

Wer mithelfen möchte, die Zusammenhänge (z.B. mit der kostenlosen Iphone-App „Muskelapparat 3D Lite“) zu untersuchen, ist gut beraten, folgende Begriffe zu kennen:

Abduktion: Bewegung weg vom Körper(-zentrum):wie in: abspreizen,

Adduktion: Bewegung hin zum Körper(-zentrum):wie in: Adverb,

Flexion: Biegung,

Extension:Streckung,

antero- : nach vorn,

retro-: nach hinten,

carpi: der Hand zugehörig.


Für das Verstehen der möglichen Bewegungen in der Erläuterung zu den Muskeln in der iPhone App muss man wissen, worauf sich „weg von“ und „hin zu“ sowie „Abduktion“ / „Adduktion“ beziehen und dazu braucht man das Verständnis der Neutral-Null-Methode.

Die Neutral-Null-Methode wird international benutzt, um Einschränkungen der Beweglichkeit zu dokumentieren, und diese in Grad-Zahlen eindeutig zu beschreiben: der Name bezieht sich auf die festgelegte Referenzstellung aller menschlichen Gelenke, die den Wert Null zugeschrieben bekommt.

Jede Abweichung wird in plus- oder minus-Gradzahlenwerten angegeben. Schaut man sich das Bild auf Wikipedia an, sieht man, dass die Hände hierbei in maximaler Supination dargestellt sind, obwohl sie ja eigentlich in Ruhestellung „an der Hosennaht“ liegen würden. Diese abweichende NN-Referenzstellung ist notwendig, damit man dem Handgelenk eine Abduktion und eine Adduktion zuweisen kann.

https://de.wikipedia.org/wiki/Neutral-Null-Methode

(Für die aufrecht stehende Faust im Gueriniere-Sitz wäre also -90° Supination die korrekte NN-Beschreibung).


Für uns ist es allerdings besser,  die Guerinieresitz-Grundstellung (aufrecht stehende Faust) als Basis (0°) bezeichnen, von der aus eine Pronation von 1° bis 90° und zur anderen Seite eine Supination von 1° bis 90° möglich sind (damit entfält eine minus-Gradangabe).


Beispiel 1, einhändige Zügelführung links: beim geraden Geradeausreiten ohne Zulegen (Reiterbecken in Mittelpositur) wird die (linke) Zügelfaust in 10°Supination gehalten, die (rechte) Gertenfaust z.B. in 50° Supination.

 Beispiel 2, einhändige Zügelführung links: zum Zulegen beim geraden Geradeausreiten mit Pinky Push (Reiterbecken nach vorn gekippt) werden beide Hände in 0° gehalten.

Beispiel 3, einhändige Zügelführung links: zum Abwenden nach links wird die Zügelfaust für wenige Sekunden in eine Pronation von 80° gebracht.


Zur Zeit vermute ich folgende Zusammenhänge: der Pinky-Push wird eingeleitet durch ein radiales Anwinkeln im Handgelenk (Abduktion des Handgelenks) durch Anspannen des radialen Handbeugemuskels sowie des radialen Handstreckmuskels. (musculus flexor carpi radialis und musculus extensor carpi radialis).

Die von uns angestrebte wirkungsvolle massive Ausführung wird erreicht durch ein starkes Anspannen der Gegenspieler: des ulnaren Handbeugemuskels und des ulnaren Handstreckmuskels (musculus flexor carpi ulnaris und musculus extensor carpi ulnaris).

Dadurch spannt sich reflektorisch der lange Kopf des m. triceps brachii an, der wiederum die Unterkante des Schulterblattes nach vorne unten zieht,  was die Rippen und damit die Brustwirbelsäule nach vorn drückt.

Dieses löst eine Abflachung der BWS-Biegung (Hypokyphose) aus, was wiederum zu einem Vorschieben der Lendenwirbelsäule und deren Überbiegung (Hyperlordose) führt. Diese Bewegung nun kippt das Reiterbecken weit nach vorn und bewirkt damit das Zulegen des Pferdes.

(Inwieweit hier auch der m. subscapularis mithilft, ist unklar, ebenso wie die Mitwirkung der anderen Oberarm-/Schulterblattmuskeln).

Der Pinky-Pull, die Gegenbewegung mit Zurückführen des Kleinfingers zum Einleiten der Versammlung führt dann über das Einziehen des Bauches durch Streckung der LWS zum Zurückkippen des Reiterbeckens. Er ist vermutlich deshalb etwas schwächer, weil das Nachlassen des Schulterblattdrucks geringer wirkt als das Eindrücken in die Rippen beim Pinky-Push.

 


Update 4.11.2016:

 

Unter den Reitkunstdarstellungen im Treppenturm des Schlosses Rosenborg (anzusehen im "Royal Danois", dem neuen Knabstrupperbuch von Bent Branderup) finden sich folgende Gemälde mit unterschiedlich starkem Pinky-Push der Gertenhand:

Passetemps im Terre-a-Terre,

Fanfaron in der Ballotade,

Pompeux in der Kapriole.


Den stärksten, sozusagen den "Pinky Push Maximus", nutzt der Reiter des Hengstes Pompeux für das Auslösen der Kapriole. (Leider bin ich noch nicht soweit, das selbst zu probieren.)


Es ist also sicher mehr als nur ein kleines Fünkchen Wahrheit an Bents These, dass die dänischen Pferde damals nicht zuletzt auch deshalb in aller Welt so begehrt waren, weil ihre Reiter sie mit dieser außergewöhnlichen Brillianz präsentieren konnten!

 

 

5.11.16.: Erkenntnis des Tages:

Schon Pluvinel hielt die Gerte fast immer im "Boquetgriff" (als hielte man einen Blumenstrauß).

Das Gegenteil, den "Anglergriff" (Daumen am Gertenschaft aufrecht aufgestellt zum Stabilisieren der Angel beim Auswerfen) nutzte ich häufig, um die Gerte zu stabilisieren.

Wie ich schon am 26.10.  herausgefunden habe, blockiert der Anglergriff den Pinky Push massiv. Heute nun habe ich bemerkt, dass man den Pinky Push (also das Reiterbecken nach vorn kippen) deutlich verstärken oder sogar ersetzen kann , wenn man den Daumen hinter der Gerte senkrecht stellt und mit ihm gegen den Schaft drückt!

Daraufhin habe ich nochmal den Anglergriff probiert und wieder festgestellt, dass dieser das Reiterbecken nach hinten kippen lässt (also die Versammlung unterstützt).

Die Rosenborgdarstellung des Hengstes Recompence bedeutet also, dass der Reiter in diesem Moment eine Versammlung einleitet, möglicherweise ist hier eine Schrittpassage dargestellt.

Auch zur Unterstützung der Levade des Hengstes Mars wird hier der Anglergriff eingesetzt.

Kein Wunder, dass Paco beim Angaloppieren früher sich fast immer in eine Courbette erhob (einmal sogar eine gesprungen war)  und auch Picasso immer im Terre-a-Terre ansprang: Ich saß nicht schwer nur auf der Vorhand durch die pronierten Hände und kippte dadurch mein Becken nach hinten, sondern drückte auch noch im Anglergriff massiv auf den Gertenschaft!

Darstellungen mit Anglergriff im "Royal Danois": Svan, Mars, Imperator, Tyrk, Recompence


 
Update 22.12.16 und 04.02.17:
  


 

Nachdem ich die Anleitung Eisenbergs für das Auslösen des Schulterhereins erfolgreich ausprobiert und teilweise in meine Hilfengebung eingebaut hatte, versuchte ich als nächstes, seine Art des Kruppehereins mit ca. 80° Abstellung zu

erlernen: leider war das auf eine sanfte Weise nicht möglich und ich musste das Projekt nach 2 Tagen entnervt aufgeben.

 

 

 
 

Als ich daraufhin zufällig bei Gueriniere nachlas, entdeckte ich seinen scharfen Kommentar zu dieser Lektion, mit dem er auch große Reitmeister kritisierte, darunter Pluvinel, Newcastle(S.234), Eisenberg (S.38) und Ridinger (selbst für diese Größen der Reitkunst gilt also gelegentlich: "Nobody is perfect!"). (Siehe z.B. Branderup/Kern S.73 [hier wird seine Kritik nur auf das „Schulterheraus“ = „Konterschulterherein“ bezogen]).

Gut, dass ich (bzw. eigentlich meine Pferde) frühzeitig selbst erkannt hatte, wie gefährlich und schädlich diese Lektion ist! 

 Seitdem reite ich meistens Kruppeheraus  und habe begonnen, Guerinieres viel stärkeres Croupe-au-mure anzuwenden, das er selbst als Schenkelweichen mit Kopfstellung in die Bewegungsrichtung bezeichnet, mit einer Abstellung von ca. 80°. Beim längeren, jüngeren Picasso geht das gut voran, beim älteren, kürzeren Paco mit seinem kurzen, sehr starken Rücken ist es schon bedeutend schwerer!      

Diese Abstellung von 80° zur langen Wand (das entspricht 10° zur kurzen Wand, auf die man zugeht) taucht mit demselben Wert in vielen Übungen wieder auf: Gueriniere nutzt sie in der Traversale, im Karree, in der Demi-Volte und Pirouette.

 

Das wichtigste Zeichen für ein gelungenes Croupe-au-mur ist, neben der Beibehaltung der genau gleichen Abstellung, wenn das Pferd das äußere Vorderbein in einem schönen Bogen über das innere führt, denn das geht nicht, wenn es auf den Schultern liegt.

Keinesfalls darf das innere Vorderbein einen großen, spektakulären Ausfallschritt machen, weil es damit auf die Vorhand kommt und obendrein häufig die Hinterhand verliert, sodass diese aus- und das Pferd auseinanderfällt. Es würden die drei wichtigsten Ziele dieser Übung verfehlt: Das Aufrichten der Vorhand, das vermehrte Untertreten der Hinterbeine und die Vorbereitung auf den Seitwärtsgalopp in genau derselben Haltung und Abstellung.

 

Ich meine, schon nach 10maliger Anwendung eine deutliche Zunahme der Schulterfreiheit des Pferdes zu fühlen.

Kruppeherein wende ich an der Wand nur noch selten an, und wenn, dann mit mindestens 2m Abstand des Pferdekopfes zur Wand, wie es de la Broue und Gueriniere (für Ausnahmen) gerade noch als zulässig ansehen.

 

 


Update 08.01.2017:

 Hält man die Fleck Dressurgerte zwischen den Oliven, ergibt sich ein viel zu langer Überstand nach unten.  Gueriniere empfiehlt ja ohnehin, das Ende der Gerte in der Faust verschwinden zu lassen.  Beim Umstieg auf eine Naturgerte habe ich heute festgestellt, dass sich auch hierbei eine Pinky-Push Blockade ergeben kann, wenn die Gerte mittig in der Handfläche endet (so wie oben beschrieben bei der Olive); man muß also das Gertenende tiefer, auf dem Kleinfingerballen, abstützen, wenn man den Pinky Push nutzen will.

 


28.Jan.2016: 400 Jahre alte Bestätigung entdeckt



Beim heutigen Stöbern im de la Broue fand ich  heraus, dass er (anscheinend als einziger der alten Meister) einen direkten Zusammenhang zwischen einem eingezogenen Bauch und dem Einrollen der Schultern beschrieb: der Reitersitz solle:

"den Reiterbauch etwas vortreten lassen(d), damit die Schultern nicht gewölbt werden"
("L'estomac un peu avancé pour ne paroistre avoir les epaules voultees").


 

Je älter der Mensch ist, desto häufiger tritt ein Rundrücken auf. Das bedeutet, es hat sich eine Hyperkyphose des oberen Teils der Brustwirbelsäule (eine Art runder Buckel) bildet, die zu einem Hochrutschen der Schulterblätter führt und mit den permanent eingerollten, nach vorn gekommenen Schultern verhindert, dass die Schwingungen im Reiterrücken absorbiert werden.

In diesem Falle kommt der Pinky-Push nicht oder nur minimal durch: der Reiter muss daher versuchen, aktiv den Bauch vorzuschieben um sein Becken aktiv nach vorn zu kippen, wenn das Pferd zulegen soll. Außerdem muss er teilweise den Oberkörper weiter nach hinten halten, auch um ein Vorfallen seines Kopfes zu minimieren.

Die Supinationshaltung der Hände bringt beim ausgeprägten Rundrücken ebenfalls nicht den maximalen, aber trotzdem einen spürbaren Effekt.

Jeder Mensch muss ständig auf eine gute Körperhaltung achten und sich mindestens 50x am Tag korrigieren: beim Gehen, Liegen,Stehen, Sitzen, am Schreibtisch, am Rechner (Vertikalmaus), beim Autofahren,etc.

Die Bundeskanzlerin weiß das auch: die Merkel-Raute läßt sie nicht nur gut dastehen, sondern ist gleichzeitig eine aufrichtende KG-Übung.

Es gibt sehr gute Yoga-, KG-, Atemgymnastikübungen im Internet, um dagegen zu wirken und die Dehnung der stark verkürzten Bauchmuskeln und die Starffung der Rückenmuskeln ermöglichen.

2/3 aller Betroffenen spüren zunächst viele Jahre lang keinerlei Schmerzen, so ist ihr Leidensdruck gering.Vielleicht wirkt hier ja der Wunsch nach einem guten Reitersitz als „Kandare mit aufrichtender Wirkung“?

 

Update 05.02.17:

 

Inzwischen ist mir klargeworden, dass die Supination der Gertenhand nicht nur den Zweck erfüllt, den Reiterbauch etwas vortreten zu lassen, sondern auch durch die Aufhebung der Daumendruckeinwirkung auf die Stellung des Reiterbeckens vorteilhaft ist: er liegt hier zwar manchmal genauso längs der Gertenschaftes wie beim Anglergriff, kann aber durch die Drehung der Handfläche nur zur Seite einwirken. So passiert nichts, wenn der Reiter mal klemmig wird und den Daumen andrückt.



 

 

Update 19.02.17:


Nicht nur die Supination der Gertenhand neutralisiert den Pressdaumen: ebenso wichtig ist eine starke Streckung des Zeigefingers längs des Gertenschaftes: ich nehme an, dass die Streck- oder die Beugesehne des Zeigefingers den Oberarmmuskel blockiert, der ansonsten das Vorschieben des Schulterblattunterrandes (und damit die Kippung des Reiterbeckens nach hinten) auslösen würde.

Wenn der Reiter dies weiß, hat er einen vorzüglichen zusätzlichen Anreiz, auf die korrekte Handhaltung zu achten: bei mir ist z.B. das Croupe-au-mur nach links im Linkshändersitz besonders schwierig: wie wohl die meisten, habe ich zunächst den Gueriniere-Sitz im Rechtshändersitz trainiert, und erst nach Monaten auch im Linkshändersitz, so dass letzterer immer eher der weniger geübte ist. Dazu kommt, dass Picassos schlechter biegsame Seite die linke ist.

Mein Sitz fällt also hierbei besonders schnell auseinander und ich werde klemmig mit der Folge, dass das Pferd im Croupe-au-mur rückwärts gehen will. Hier stört ein einwirkender Pressdaumen massiv: wenn mir das bewusst wird und ich den linken Zeigefinger stark strecke, das das testweise seitliche Andrücken des Daumens an die Gerte keinerlei Muskelbewegung in meinem Rücken erzeugt, kann ich wesentlich besser korrigierend einwirken: es kommt zu einer spürbaren Erleichterung!

Wenn ich nun die Gertenfaust (jetzt die linke) eine Fausthöhe tiefer stelle und den linken Kandarenzügel in den kleinen Finger einhake, wirkt dieser mit einer bisher ungeahnten Leichtigkeit und Präzision ein, und ich kann ihn ebenso leicht durchhängend einsetzen wie beim einhändigen Reiten!

Dasselbe gilt für das Training der Pasege (siehe Kommentar zu Saunier auf Fundstücke/Finds) auf dem Karree auf einem Hufschlag bei den Hinterhandwendungen in den Ecken oder auch in der Demi-Volte im Karree (Volte in der Volte).

 



 

 


 

Update 02.03.17: Neue Bezeichnungen erforderlich!


Wenn der Reiter keinen symmetrischen Sitz benutzt und immer wieder die Sitzweise wechselt, verlieren „rechts“ und „links“ ihren eindeutigen Bezug, es sei denn, man möchte immer dazusetzen: „im Linkshändersitz“/“Rechtshändersitz“.

Deshalb benutze ich jetzt folgende, eindeutige Begriffe:

  • - die „Gertenhand“, bzw. die „Zügelhand“;

  • - für die Bahnrichtung: „auf der Zügelhand reiten“/ „auf der Gertenhand reiten“;

  • - für die Zügel: „Gertenhandzügel“ oder „Gertenzügel“ / “Zügelhandzügel“;

  • - für den Gerteneinsatz: „zur Gertenhand gebogen“(= Gerte gekreuzt über den Mähnenkamm), bzw. „zur Zügelhand gebogen“, auch: „von der Gerte weg gebogen“ (= Gerte parallel zum Pferdehals);

Sauniers Handhaltung weicht etwas von Guerinieres ab, die Beschreibung wäre dann:

  • Ist das Pferd zur Gertenhand gebogen, wird die Gertenhand immer tiefer gehalten, um im Bedarfsfalle mit dem kleinen Finger in den Gertenzügel greifen zu können.

  • Ist das Pferd zur Zügelhand hin gebogen, wird diese tiefer gestellt.

  • Im Geradeaus ohne Biegung werden beide Hände in gleicher Höhe, dicht beieinander, gehalten.




Zwischenbilanz 02.März 2107:


Ein Jahr ist nun vergangen, seit ich die ersten zaghaften Versuche in Richtung Guerinieresitz unternahm; er hat mich zunehmend fasziniert und ich habe seitdem folgendes gelernt:



  1. Mein anfängliches Ziel, die Gertenhand immer tief zu stellen, hat sich für die Linksstellung und das Gerade-Gerade nicht bewährt: nur in der Gertenhandbiegung wandert sie nicht von selbst hoch., ist das Pferd aber anders gebogen, behindert sie nur.

  2. Das Ziel: „Hände nie in Pronation“ hat sich sehr bewährt! Bald musste ich das „nie“ allerdings etwas einschränken: man muss ja die Zügelhand auf 90° pronieren, wenn man eine Wendung zur Zügelhandseite einleiten möchte.

  3. Das Ziel „Der Daumen der Zügelhand zeigt immer nach vorn“ hat sich als sehr gut herausgestellt (leichte Abweichungen, bei denen er etwas (bis 20°) zur Gertenhandseite zeigt, schmälern m.E. den Wert dieser Grundregel nicht.

  4. Meine Entdeckung des Pinky-Pushes in diesem Forschungsjahr ist mein ganzer Stolz und war nur möglich durch den Wechsel von der pronierten zur vorwiegend supinierten Handhaltung. Ich halte ihn für einen großen Schritt vorwärts und hoffe, damit den Einsatz von Sporen ganz oder wenigstens zu 90% abschaffen zu können, ganz im Sinne des alten, von Newcastle zitierten Sprichwortes, : “Ein freies Pferd braucht keine Sporen!“

  5. Die dritte Säule meines Gueriniere-Sitzes sollten die nach vorn gehaltenen Beine sein. Dies stellte sich anfangs sehr schwierig dar, wurde aber mit dem Einsatz des Pinky-Pushs wesentlich leichter. Als ich Satz von Broue las, indem er empfiehlt, der Reiter solle seine Beine in der Regel „vor dem Pferd“ haben, erkannte ich darin gleich mein Sitzgefühl wieder. Durch diese Beinhaltung hat sich meine Sitzeinwirkung und Haltung wesentlich verbessert.

  6. Seit ich herausfand, wie der Pressdaumen wirkt, habe ich sehr lange nur an der Vermeidung dieser versammelnden Wirkung gearbeitet. Mit dem entlang der Gerte ausgestreckten Zeigefinger gelingt das nun sehr gut und ich habe vor kurzem sogar damit begonnen, den Pressdaumen gezielt einzusetzen.



 


     



Update 14.03.17: Der "vorgeschobene Unterhals" als Qualitätsmerkmal bei Gueriniere


Durch die Beschäftigung mit dem Croup-au-mure bin ich auf die zahlreichen Bilder bei Gueriniere gestoßen, in denen ein sogenannter "vorgeschobener Unterhals" des Pferdes erscheint. Nun habe ich bis heute, wie die meisten von uns, geglaubt, dies sei ein sicheres Zeichen für einen weggedrückten Rücken. Wir kennen die Bilder des falschen spanischen Schritts mit vorn hoch heraustretenden Vorderbeinen und einer nachschleppenden Hinterhand, die ein Nach-oben-Kippen des Pferdebeckens und weit nach hinten raustretende Hinterbeine mit sich bringen: dies führt zu einem Senkrücken und kissing spines. Bei Gueriniere aber werden die Hinterbeine weit nach vorn untergesetzt, das Pferdebecken kippt nach unten und der Rücken wölbt sich auf: hier sollte gar kein Senkrücken möglich sein!

Der bei ihm sichtbare Unterhals, bedeutet, dass die Vorhand maximal aufgerichtet ist, und das Gewicht der Vorhand dadurch soweit wie möglich nach hinten auf die Hinterbeine verlagert wird: die Vorhand wird frei (von Gewicht) und damit viel freier, sich zu bewegen!

Besieht man in diesem Lichte die Bilder auf der Fundstücke-Seite, wird deutlich, dass häufig ein leicht sichtbarer Unterhals bei den bestgerittenen Pferden ihrer Zeit stolz abgebildet wird.

 



Update 22.03.:

In der letzten Woche haben mich meine Pferde belehrt, dass ein zu sehr nach hinten genommener Oberhals und Kopf des Pferdes tatsächlich den Rücken absenken läßt: so muss ich den Versammlungsgradienten zunächst deutlich auf einen kleineren Bereich relativieren. Wenn es möglich ist, würde ich ihn gern demnächst mit einer PC-gestützten Video- und Auswertungssoftware bestätigen und so die Grenzen von beginnender "Anti-Versammlung" durch Voneinander-weg-Streben von Hinterhand und Vorhand auf der einen Seite, und einem zu weit nach hinten kommenden Oberhals auf der anderen Seite festlegen. Bis dahin kann ich weiter nur versuchen, mich auf mein Sitzgefühl zu verlassen, um rechtzeitig ein Absenken des Rückens zu erkennen.






 Aufrichtungswinkel


Mein Eindruck ist, dass die alten Meister den Oberhals nur bis zur Senkrechten auf der Körperachse zurücknahmen, alles dahinter aber als schädlich betrachteten. So ist der sichtbare Unterhals wohl nur dann als Anzeichen für einen Fehler anzusehen, wenn der Oberhals hinter diese Senkrechte zurückgeführt wird.

AlsDefinition dieses Aufrichtungswinkels würde ich daher formulieren: Winkel der vorderen Halskante zur Körperlängsachse.

Maximale gute Aufrichtung mit sichtbarem Unterhals:


 

 

 

 
 

 


 

 

        


 

 


 

weggedrückter Rücken:


 

In der Skizze von Pablo Picasso entsteht der weggedrückte Rücken durch „Anti-Versammlung“, bei der Vorder- und Hinterbeine auseinanderstreben, hierbei entsteht ein Senkrücken, der eine starke Einschränkung der Tragkraft mit sich bringt.

 


 

zu weit zurückgeführter Oberhals:

  


 

Bei dem Lecomte Hippolyte und bei der indischen Schulparade dagegen tritt der zweite große Fehler beim Versammeln auf: der Oberhals wird zu weit nach hinten geführt.





Versammlungsgradient


 


Der Aufrichtungswinkel allein sagt noch nichts über das Ausmaß der Versammlung aus, denn zu dieser gehört auch die vermehrte Lastaufnahme der Hinterhand.

Am stehenden, hochversammelten Pferd kann man besonders gut sehen und messen, worauf es Broue, Newcastle, Gueriniere und Saunier ankommt, daraus habe ich den Versammlungsgradienten entwickelt: zieht man vom Höhepunkt des Nackens, dem Atlantoaxialgelenk, eine gerade Linie zum am weitesten hinten stehenden Hinterhuf (der die meiste Last trägt), ist diese Linie umso weniger geneigt, je dichter diese Punkte beieinander liegen. Dieser Gradient (= Steigung oder Neigungswinkel) ist bei den Pferden von vielen Dingen abhängig: vom Rahmentypen, von der Halsform, von der Stärke und Art der Hankenbiegung, aber auch von der Lektion: Schulparade und Courbette (Levade) auf der Stelle, Piaffe, Trabpassage, Schrittpassage in Bewegung usw. und ist nur anwendbar, wenn a) keine Anti-Versammlung stattfindet und b) der Aufrichtungswinkel zur Körperachse 90° nicht überschreitet.


In der Schulparade kann man sehr gut beobachten, wie die Schulterfreiheit (von Gewicht) mit dem Steilerwerden des Versammlungsgradienten zunimmt: in der gebogenen Schulparade wird zunächst eine Schulter ganz von Gewicht befreit und dieser Vorderhuf hebt als erster vom Boden ab, und erst wenn das komplette Pferdegewicht auf den Hinterbeinen liegt, folgt das Abheben des anderen Vorderhufes.


Gemessene Werte: Die meisten Pferde auf der Fundstücke-Seite stehen im Quadrattyp, deshalb gebe ich im Folgenden keinen Rahmentypen an! Alle Werte nur Annäherungswerte, da die Pferde häufig etwas seitlich dargestellt wurden! ).



Die griechische Schulparadenstatue hat einen Versammlungsgradienten von ungefähr 70°,

Der Sarazene aus der neapol. Krippe hält sein Pferd in einem Versammlungsgradienten von 69°,

römischer Siegelstein: 65°

Etude pour la course des Barberi: zum vorderen,belasteten Hinterfuß: 72°

Vendome: 68°

Reiterin im Bois de Bologne: 62°

Die mesopotamische Schulparade: 58°,

Napoleon auf dem Schimmel: 59°

Schulparade im Parthenonfries: 70°


Broue,Newcastle, Gueriniere und Saunier benutzen einen hohen Aufrichtungswinkel und einen steilen Versammlungsgradienten zur Entlastung der Vorhand in vielen Lektionen: z.B. im Schulterherein, Croupe-au-mure sowie für die Traversale in der Pasege (und Passage?) und in der Demi-Volte.


Vielleicht werden wir irgendwann erkennen, dass ein bestimmter Versammlungsgradient (z.B. die ° der unten abgebildeten Courbette) die Grundlage für ein ermüdungsarmes Hüpfen in Courbetten ist?


Ideale Courbette nach Gueriniere.






Update 12.April 2017


Habe gestern bei Broue gelesen, dass für einen korrekten 80°-Seitwärtsgang die Voraussetzung ist, dass Rumpf und Hals des Pferdes nicht gebogen werden. Jetzt ist mir klargeworden, warum Saunier das Tieferstellen der inneren Hand damit begründet, dass nur der Kopf gestellt werden soll : er verhindert damit einen „um sich herum biegenden, inneren Zügel“!

Auch Gueriniere schreibt, dass für den Seitwärtsgang Rumpf und Schultern gerade bleiben sollen!

Damit habe ich das Rätsel der Handhaltung Guerinieres nun komplett gelöst!

  1. Stellt er die Gertenhand tief, damit der innere Zügel den Pferdehals so wenig wie möglich berührt, um beim Stellen des Kopfes möglichst wenig Halsbiegung auszulösen,

  2. supiniert er die Hand, um einen erhabenen, aufrechten und freien Sitz zu erhalten.

  3. streckt er den Zeigefinger längs des Gertenschaftes aus, um nicht versehentlich einen Pressdaumen einwirken zu lassen.







Update 16.April 2017/09. Mai 2017:

Nach viermonatigem Einüben des 80°-Seitwärts-Schrittes als Croup-au-mure (Gueriniere fordert hierzu, die äußere Schulter des Pferdes auf einer Linie mit seiner inneren Hüfte zu halten), Renvers-Karree (mit Vorhandwendungen in den Ecken) und Normal-Karree (Kruppe zur Mitte, mit Hinterhandwendungen in den Ecken) und gelegentlichen Versuchen, im Gelände dieselbe Abstellung im Seitwärtsgalopp zu erhalten, ist mir heute erstmals gelungen, bei einer Trabpassade die im Seitwärts-Schritt (= Pasege) begonnene Demi-Volte mit zwei Terre-a-Terre Sprüngen zu schließen. Broue nennt diesen Seitwärtsgalopp am Ende der Demi-Volte „Terre-a-Terre“; (siehe Band 2, S.43).

Newcastle sieht den diagonalisierten Schritt als Ergebnis des Seitwärtsgangs (bei ihm z.B. als Travers mit der Kruppe zum Pilaren, der dieselbe Abstellung von ca. 80° hat wie Guerinieres Croupe-au-mure, und die beim ihm die Bezeichnung "halbe Schulter vor" hat). Er sagt, wenn die Vorderbeine kreuzen, greift das innere Hinterbein aus, und wenn die Hinterbeine kreuzen, greift das innere Vorderbein aus: das ist dann eine Trabaktion (= diagonalisierter Zweitakt).“ 

Er schreibt auch über das 80°-Seitwärts: wenn die Vorderbeine kreuzen, wird die Vorhand eng, und gleichzeitig die Hinterhand weit durch das Ausgreifen des inneren Hinterhufes. Wenn dagegen die Hinterbeine kreuzen, wird die Hinterhand eng, und gleichzeitig die Vorhand weit durch das Ausgreifen des inneren Vorderbeines. So ist das Pferd im 80°-Seitwärts immer in einem halben Terre-a-Terre: dem Terre-a-Terre der Hinterhand, wenn diese weit ist, und im anderen Moment im Terre-a-Terre der Vorhand, wenn letztere weit ist. Er fügt hinzu: "Es gibt keine bessere Lektion als diese."








 

Update 23.04.2017:


Beim gestrigen Versuch, eine Traversale im Schritt zu reiten, ging mein Pferd wie selbstverständlich zunächst seitwärts: ich war völlig erstaunt! Aber kein Wunder nach monatelanger Seitwärts-Arbeit! So musste ich ihm nun explizit sagen, wie viel Vorwärts noch dazu kommen sollte! Dabei wurde mir klar, dass meine jahrelangen Trabtraversalenversuche im Arbeitstrab völlig falsch gedacht gewesen waren!

Die Aussagen Guerinieres im Kapitel:„Passage“ sind auch (vielleicht sogar hauptsächlich?!) auf die Schrittpassage abgestellt, er schreibt hier wieder: „Wie wir schon im Kapitel „künstliche Gänge“ gesagt haben, ist die Passage ein zurückgehaltener, abgemessener und kadenzierter Schritt oder Trab, bei dem das Pferd ein Vorder- und ein Hinterbein gleichzeitig und überkreuz anhebt, wie im normalen Trab, aber viel verkürzter, entschlossener und taktmäßiger als der gewöhnliche Trab, und bei jedem Schritt, den es macht, der in der Luft befindliche Huf nicht mehr als einen Fuß (ca. 30cm) demjenigen auf dem Boden vorausgeht.“

Ab jetzt werde ich versuchen, sein Kapitel „Passage“ für mich mit der Überschrift „Schrittpassage“ zu denken, was mir nach den vielen Jahren äußerst schwerfällt, aber nun zunächst als Anfänger die richtige Herangehensweise zu sein scheint....

Sehr schwer fällt auch, von der heute üblichen, raumgreifenden Trabtraversale (eher auf der Vorhand) umzudenken auf eine Seitwärts-Schritt-Traversale mit sehr hoher Aufrichtung und auf der Hinterhand!

Wenn Gueriniere beim Wechsel durch die Bahn auf zwei Hufschlägen davon spricht, dass Broue sagt, der Reiter müsse sehr sorgfältig das Übertreten des äußeren Vorderbeines über das innere in einem bestimmten Moment unterstützen, erinnert mich das nun an die Art, wie ich im Seitwärts-Schritt mein Pferd zu unterstützen versuche.

Jetzt mach ich lieber eine steile, aber kürzere Seitwärts-Schritt-Traversale, da ich von früher immer noch viel zu ungeduldig bin, den Wechsel zu beenden... Außerdem gelingt im Seitwärts-Schritt der Wechsel durch Umkehrung der Schultern viel besser und produziert im Zickzackübergang mit etwas Glück sogar ein paar Schritte Schrittpassage.










Update 29.04.17:


Seit ich Sauniers Bezeichnung „Schrittpassage“ fand, vermutete ich, dass mit Passage, die in einigen Texten nur Königen und Fürsten erlaubt war, häufig gar nicht ein Schwebetrab, sondern die Schrittpassage gemeint war, und jetzt habe ich erstmals einen Text gefunden, der das bestätigt: in ihrem Kapitel „ Über das Geradeaus-Passegieren und wann und wo es anzuwenden ist“, schreiben

N. & L. Santa Paulina (1696)im L'Arte de cavallo, S.96:


"Es gibt vier Arten, ein Pferd zu passegieren.... 

Man kann im Schritt passegieren, das bedeutet, dass es wie im Trabe die Hinterbeine und die Vorderbeine anhebt, aber nicht in ganz exakt demselben Moment wie im Trab, sondern mit einer unspürbaren Pause vor der Bewegung des anderen Beines,  das Pferd hebt das Vorderbein höher als das Hinterbein, und wenn das andere (Paar) in gleicher Höhe gehoben wird, spricht man hier von der Passegio, die, auch wenn sie nicht so anmutig ist wie im Trabe, trotzdem majestätisch und angebracht für einen Fürsten ist.“


Die Schrittpassage geradeaus wurde also auch von hochgestellten, mächtigen Personen angewendet.







 

Update 11.Mai 2017:


Reitet man das Pferd auf einem Karree auf einem Hufschlag (geradeaus) in einem sehr ruhigen, gleichmäßigen, kadenzierten Trab, der dem Schwebetrab zumindest nahekommt, muss man in den Ecken vor dem Abwenden eine halbe Parade geben, um dann das Pferd in diesem, nun noch mehr verkürzten Trab, der einer Piaffe nahekommt, wenden zu lassen.

Diese 1/4-Pirouette in der Piaffe ist eine Mittelhandwendung.

 





Update 14.Mai 17:

 


Das Üben der Trabpassade lohnt sich: gestern habe ich mit Paco zum ersten Mal auf einer Wiese im Gelände einen Seitenwechsel im Terre-a-Terre geritten:

  Drei Seitwärts-Terre-a-Terre Sprünge nach links, und durch einfaches Umlegen der Gerte auf die andere Seite, ohne Unterbrechung, weiter im Seitwärts-Terre-a-Terre drei Sprünge nach rechts, und dann fulminant vorwärts in einer schönen Carriere und fünf Sprünge im gestreckten Galopp!

Die Carriere war immer schon ein wichtiges Ziel für mich, aber da ich mit pronierten Händen und vorfallendem Kopf meinem Pferd auf der Vorhand hing, kam es immer wieder nur zu einem „Hochstart“ in die Courbette, den ich dann umschieben musste in einen Vorwärtsgalopp ( unwissend nannte ich diese Courbetten damals Steigen oder Stätigkeit).

Die Trabpassade beginne ich z. Zt. in einem frischen Trab an der langen Seite für ca. 5 Pferdelängen, beende diesen mit einer starken Parade (nur aus dem Sitz, mit Stimme, Oberschenkeleinwirkung und kaum Kandarenanzug) und reite, ohne das Pferd stehen zu lassen, gleich die eckige Demi-Volte im 80°-Travers-Schritt, um bei der Rückkehr an der Wand wieder im Trab loszustürmen.

 

 








Update 21.Mai 2017:


Nachdem ich vor einigen Tagen ein paar schöne Terre-a-Terre Sprünge an der Hand erreicht habe, hat sich Paco heute im Croupe-au-mure an der Hand, nach einem versehentlich ausgelösten Terre-a-Terre Sprung rückwärts, beim nächsten so weit bremsen lassen, dass er nur die Hinterbeine vorsetzte, aber die Vorderbeine nicht vom Boden abhob: so stand er mit einer sehr abgesenkten Kruppe da und ließ sich sogar dazu bewegen,daraus 2 Schritte im Seitwärts mit dieser starken Absenkung zu machen; vielleicht wird das mein Weg , um einen starken Versammlungsgradienten im Seitwärts zu erreichen?

Mein Trainingsprogramm (in der Halle) beginnt immer mit der Schulparade an der Hand und weiter à la Gueriniere (zuerst allerdings in Handarbeit): Schulterherein (35°) im Schritt auf beiden Händen, dann Croupe-au-mure (80°) im Schritt auf beiden Händen, dann aufsitzen und Geraderichten im frischen Trab auf der Mittellinie durch die Länge der Bahn, dann wieder Schulterherein und Croupe-au-mure im Schritt, diesmal im Sattel.

Für den 80°-Seitwärtsgang platziere ich die Gerte wie in dem Holzschnitt im Sébillet schräg nach vorn unten vor der inneren Schulter (am Boden führe ich das Pferd von außen). 















 Marc-Aurel-Sitz


  Der Reiter benutzt eine leichte Dorsalextension (Streckung zum Handrücken hin) in der freien, rechten Hand bei leichter Beugung im gleichseitigen Ellenbogengelenk. Wäre letzteres komplett gestreckt, gäbe es keine Übertragung auf die Rückenmuskulatur des Reiters, und damit keine treibende Wirkung. Die Bewegung entspricht dem Schieben eines Einkaufswagens mit dem Handballen, hier tritt dieselbe Dorsalextension und dieselbe Spannug im Reiterrücken wie beim Pinky Push auf.

Ausserdem benutzt er im Zügelhandgelenk einen radialen Zug (relativ zum ulnaren Zug des einseitig rechts dominanten Zügels). Dies ergibt eine Handhaltung ähnlich dem Vorschieben des Kleinfingers der supinierten Gertenhand (reitet man hingegen ganz ohne Zügel, kann man die volle radiale Abknickung ausführen).

Das Gegenteil, Versammlung, erzielt man dann durch Beugung im rechten Handgelenk, bzw. Abknickung nach ulnar in der Zügelhand.