Die akademische Reitkunst


Vor 11 Jahren entdeckte ich auf einem Ramschtisch auf der Pferd und Jagd für 10 Euro das Buch von Bent Branderup.

 Mit diesem Buch, genauer mit dem Untertitel "für den anspruchsvollen Freizeitreiter", begann für mich ganz plötzlich eine vollkommen neue Sichtweise auf die Reiterei,es eröffnete tatsächlich mir, einem ganz normalen Menschen, die Möglichkeit, in Richtung Hohe Schule zu denken, was ich vorher nie gewagt hatte! So wurde es für mich zu dem wertvollsten aller Bücher, die ich je besessen habe!

 Es gab plötzlich nicht mehr nur den einen Weg, nämlich eine Bereiterlehre in Wien, Saumur oder Jerez zu absolvieren, um ein sehr guter Reiter zu werden: ich selbst konnte tatsächlich von nun an hoffen, einige wichtige Schritte in diese Richtung zu  gehen! Neben meiner Arbeit und meinen anderen Verpflichtungen, in meinem Tempo und mit den einfachen Mitteln, die mir zur Verfügung standen!






Die für mich wichtigsten Lehren in den letzten Jahren:

 

Pferde zeigen keinen Schmerz, es sei denn, er wird übermächtig! Für ein Fluchttier bedeutet es den sicheren Tod, Schmerzen zu zeigen (z.b. zu lahmen), denn dadurch würde es von den Raubtieren als leichte Beute erkannt!

 

Wir müssen also täglich alles Erdenkliche in Betracht ziehen und jedes kleinste Anzeichen für eine Störung im absoluten Wohlbefinden zu entdecken versuchen; denn wenn wir etwas bemerken, hat das Pferd wohl schon beträchtliche Schmerzen.

 

 Dies ist für uns Menschen eine  sehr schwierige Aufgabe, die täglich aktiv durchgeführt werden muss (vor allem mit wenig Erfahrung!), denn unser Verstand läuft meistens auf Autopilot und kann dann nur Dinge beurteilen, die ganz offensichtlich zu Tage treten.

 

 Versteht ein Pferd eine weiche Hilfe nicht, schadet es nur, sie hart zu geben!!


  Das Ziel eines guten Reiters muss auch für sein Pferd lauten: "Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper! Das bedeutet,  psychische Schäden durch alleinige Käfighaltung, mangelnden Auslauf, fehlende soziale Kontakte, Gewalttätigkeit, psychische Überforderung  in der Arbeit können körperliche Schäden auslösen!

  Umgekehrt führen ein nicht entdeckter Hufschaden, ein Muskelkater/-verspannung/-zerrung, ein falscher Sattel, eine rohe Hand oder eine körperliche Überforderung  zu einem unwilligen, genervten oder ängstlichen Pferd, das sich nicht auf seine Lektionen konzentrieren kann.


  Keine schlechte Pflege! Steinbrecht weist nicht ohne Grund deutlich darauf hin, dass der Reiter sein Pferd nur eine Stunde täglich selbst betreut, der Pferdepfleger/-wirt hingegen die restlichen 23 Stunden!


  Die Lektionen der Ausbildung sind für das Pferd da und nicht das Pferd für die Lektionen! Sie sollen das Pferd in jeder Hinsicht gesund erhalten und es so für den Gebrauch in höchstem Maße fit machen.


Ein sehr schöner Spruch: "Bis zum Alter von 6 Jahren ist dein Pferd der Freund deiner Feinde, danach ist es dein Freund, und ab 12 ist es ein Pferd für Könige!"


Siehe auch "Forschung"  hier

 






Soll ich das volle Potential des Knabstruppers ausnutzen?


 

Wenn man sich meine Beschreibung des Knabstrupper Potentials durchliest, ist man erstaunt, dass Pferde dieser Rasse eigentlich für fast alles geeignet sind (natürlich gilt dies nur für den "Hausgebrauch" als Freizeitpferd und bedeutet nicht, dass es in allen Hochleistungs-Disziplinen in der obersten Liga mitspielen kann: er kann weder ein Mächtigkeitsspringen gewinnen, noch Trabrennweltmeister werden!

 Hat man ein so vielseitig einsetzbares Pferd, ist es natürlich sehr verlockend, es in alle Richtungen auszuprobieren und es als wirkliches Vielseitigkeitspferd einzusetzen: mal vor der Kutsche, mal im Springparcours, mal auf einer Jagd mit nicht zu schweren Sprüngen oder als Wanderreitpferd und dann wieder als Dressurpferd (sozusagen als „eierlegende Wollmilchsau“).

Man muss aber trotz aller theoretisch offenen Möglichkeiten immer daran denken, dass die Ausbildung in eine oder mehrere Richtungen auch sehr schwere Nachteile für andere Bereiche mit sich bringen kann! Wenn ich nämlich z.B. irgendwann erkenne, dass die ultimative Ausbildung für mich die Dressur, vielleicht sogar die akademische Reitweise ist, muss ich mein Pferd evtl. sehr stark umstellen und werde mich ärgern, dass einige langwierige Hindernisse hätten völlig vermieden werden können.

Der wichtigste Fehler ist eine starke Gebisseinwirkung, bzw. Handeinwirkung: alle Reitweisen, die mit Geschwindigkeit und starkem Schub zu tun haben, erfordern diese das Pferdemaul abstumpfende Tätigkeit: ich kennen keinen Spring- oder Jagdreiter, der sein Pferd in diesen Disziplinen nur mit dem Sitz und ohne deutliche Handeinwirkung reiten kann. Genauso ist ein Kutschpferd ohne deutliche Gebisseinwirkung nicht zu bremsen oder zu lenken. Hat das Pferd hingegen noch ein weiches, empfindliches Maul, ist die angestrebte Leichtigkeit in der Dressur wesentlich schneller und für Pferd und Reiter angenehmer zu erreichen!


Auch innerhalb der barocken Reitweisen gibt es (teils nicht wieder zu korrigierende (!)) Fehler: wenige Aktionen sind so imponierend für den einfachen Zuschauer wie eine Pesade: Der Knabstrupper mit seinem edlen, quadratischen  Körperbau ermöglicht es, sie leicht, ruhig und sicher zu erlernen und auszuführen (vor allem auf Wallachen und Hengsten). Aber  den Reitern der akademischen Reitkunst ist in den letzten Jahren immer klarer geworden, dass die Pesade eine sehr schädliche Übung darstellt und aus dem barocken Katalog gänzlich gestrichen werden muss, denn sie verhindert sehr häufig die spätere tiefe Levade und erschwert sogar zunächst eine gute Schulparade sowie einen guten Galopp deutlich.

Teilweise ensteht das Problem durch den Namenstausch der Lektionen: Levade kommt eigentlich von levieren=erheben, bezeichnet aber heute ein Setzen. Pesade kommt eigentlich von Hinsetzen/Posieren, bezeichnet heute aber das Steigen.

Ich schlage deshalb vor, den bisherigen Begriffe "Pesade"  nie mehr zu verwenden, stattdessen immer vom "Steigen" zu sprechen.

Weil  aber auch das Wort "Levade"  ein völlig falsches inneres Bild erzeugt, schlage ich hierfür ebenfalls einen "clean-cut" vor: den  Ersatz z.B. durch das neue Wort "Posade" , denn das innere Bild beeinflusst ja ganz erheblich Erlernen und Ausführung einer Lektion. Dieses ist meines Erachtens die einzige hippologisch saubere  Lösung, auch wenn sie vielen Reitern schwerfallen wird (denn Erheben hört sich nun mal mächtiger an als Setzen...).


 







Reitkunst im Gelände

 

Für den Freizeitreiter besonders wichtig sind die Ergebnisse seiner Reitkunstübungen im Gelände: ein Pferd, das nicht aus Angst gehorcht, sondern vom Reiter sanft zur Mitarbeit gebeten wird, wie es die akademische Reitkunst lehrt, wird sich im Gefahrenfall vertrauensvoll an seinen Reiter wenden, um zu entscheiden, was es tun soll und nicht der evtl. größeren Furcht  vor anderen Dingen als der Reitergewalt nachgeben und durchgehen.

 

Ein wendiges, geschultes Pferd erlaubt das Schließen eines Tores vom Sattel aus, ist sehr bequem zu sitzen und hat eine wesentlich längere „Haltbarkeit“, da seine Gelenke  durch die enorm erhöhte Trittsicherheit und die Verlagerung des Pferdegewichts in Richtung der Hinterhand maximal geschont und verbessert werden.  

 

Zudem ist schon ein nur etwas höher geschultes Pferd äußerst hilfreich z.B.  beim Durchreiten engstehender Bäume, um Knieverletzungen des Reiters zu vermeiden, was bei einem  Campagnepferd, das gerade so eben gelernt hat, den inneren Schenkel zu akzeptieren, schon  öfter mal vorkommen kann.

 

Hat ein höher geschultes Pferd mehr Kraft und Präzision in der Hinterhand, kann es im Notfall natürlich auch sicherer springen, was es im Vertrauen auf den Reiter auch willig machen wird, so lange das Hindernis Größe  und Ausbildungsstand des Pferdes angepasst bleibt und es nicht sehr häufig springen muss.