Darstellende (Reit-)Kunst

     

 Museums-Fundstücke

(english here!)







Das Pferd des Phidias / The Horse of Phidias / Il cavallo di fidia / Cavallo in bronzo dal Vicolo delle Palme

  

 

 

 

Bei unserem Rom-Aufenthalt im Mai 2012 stolperten wir eher zufällig in eine Ecke der Kapitolinischen Museen, versteckt hinter den Stellwänden der "Lux in Arcana"  fanden wir dort eine bronzene Pferdestatue.

Bei ihrem Anblick war mir sogleich klar, dass dies bei weitem die schönste, vielleicht auch die älteste Darstellung einer Schulparade ist! Diese Haltung des Pferdes  tritt auf beim Übergang aus dem hochversammelten Stand zum Stand auf den Hinterbeinen in einer sehr tiefgesetzten Levade: hierzu muß das Pferd die Hinterhand sehr tief beugen und die Vorderbeine in die Luft erheben. Führt der Reiter diese Lektion perfekt aus, erscheint im Übergang die Schulparade, bei der zunächst ein Vorderbein erhoben und angewinkelt wird. Eine jahrelange Gymnastizierung des Pferdes ist nötig, um diese Art der Levade zu erreichen! So verwundert es nicht, dass es Phidias und seinem Auftraggeber einiges wert war, diese Phase darzustellen! 

Heute wird von den forschenden Reitern immer mehr Wissen der alten Reitkunst  "neu"-entdeckt: so hat diese neu wiedergefundene Übung erst in 2011 von den Reitern der Akdemischen Reitkunst den eigenständigen Namen "Schulparade" bekommen ( s.a.: knighthoodoftheacademicartofriding)), obwohl sie sehr alt sein muss, denn ohne diesen Übergang ist keine tiefgesetzte Levade möglich. Durch meine Entdeckung wird demnächst vielleicht jemand in den alten Schriften auf den damaligen Namen für die Schulparade stoßen, wer weiß?

 

 

 


Schulparade / School-Halt / Arrêt d'école / Arrêt sur les hanches
 

     Neue Bilder 2015 hier 
 

 

 Die Statue wurde 1849 in Rom Trastevere  unter diesem Haus   ausgegraben, und vor einigen Jahren  unter Sponsoring eines italienischen Galopprennverbandes restauriert. Einige Autoren vertraten die Ansicht, sie stelle eine Art Carierre, den Startsprung der Galopper, dar.

  Sie wurde geschaffen in Griechenland um ca. 500 v.Chr., möglicherweise vom Bildhauer Phidias. Wer weiß, vielleicht gab es damals eine ganze Allee wunderschöner Reiterstatuen im antiken Griechenland während der Blüte der damaligen Reitkunst, von denen jede einzelne eine andere Phase der Hohen Schule Ausbildung darstellte?

 Leider war Bronze  immer sehr begehrt und leicht einschmelzbar und das Pferd des Phidias hat wohl nur deshalb überdauert, weil der damalige Eigentümer es sehr gut versteckt hatte!

 

Beim zweiten Besuch der Schulparadenstatue im Mai 2015 hatte ich Gelegenheit, einige Messungen vorzunehmen:

Länge des Pferdes vom Sitzbeinhöcker zum Buggelenk: 150cm; Höhe des Widerrists über dem Erdboden: 140cm, Strecke von der Mitte des lateralen Hufsohlenrandes bis zum Widerrist: ca. 150cm: ein wirklich quadratisch gebauter Hengst! Brustbreite: 42cm. Länge des Röhrbeins: 30cm. Länge und Breite des Vorderhufabdrucks: je 10 cm.

 Wir entdeckten wieder, dass nicht nur der Sattel mit Reiter ausgeschnitten waren, sondern auch Schlauch und Hoden, aber nicht auf dieselbe Art wie der Sattel (wohl zu einem späteren Zeitpunkt?)..

 Während des exzellenten Abendessens im Restaurant über der Fundstelle (damals wurden übrigens  auch ein Teil eines übergroßen Bronzestiers und die Marmorstatue eines griechischen Athleten entdeckt) erfuhren wir vom Besitzer ein paar Fakten: der Keller, in dem die Kunstschätze 1849 entdeckt wurden, ist 80 Jahre älter als das Kolosseum, das Haus ist Roms  ältestes mit unveränderter Struktur und wurde ca. 1075 n.Chr. erbaut!

 Er hatte von den Forschern eine andere Theorie gehört: Nach dem Sieg über die Perser ließ Alexander der Große vom Bildhauer Lysippos (4.Jhdt. v.Chr.) ein Denkmal für die 24 gefallenen Generäle, dargestellt zu Pferde, erbauen. Dieses Denkmal wurde nach der Unterwerfung Griechenlands von Quintus Cecilius Metellus "Macedonico" gestohlen und nach Rom gebracht Dort wurde es zuletzt beschrieben im 5.Jhdt. n.Chr. von einem Pilger, der dabei auch ein Pferd auf 3 Beinen stehend erwähnte.

 Weil wir direkt neben dem offenen Kellereingang saßen, schmeckte uns das Essen gleich doppelt so gut!


 Eine dritte Theorie auf der italienischen Wikipediaseite vermutet Aegias, Phidias' Lehrer als Urheber.


weitere Ansichten/Artikel:

http://www.illaboratoriosrl.com

http://www.repubblica.it


http://www.arsetfuror.com

http://roma.repubblica.it/multimedia

http://www.huliq.com

https://it.m.wikipedia.org/wiki/Cavallo_in_bronzo_dal_vicolo_delle_Palme

http://ristorantespiritodivino.com/1/la_storia_252858.html


 

Ein Gruß aus Neapel

 

Unter den über tausend absolut lebensechten Figuren der neapolitanischen Weihnachtskrippe (um 1750, gefertigt in Neapel) findet man mehrere Reiter auf hoch ausgebildeten Pferden: eine Levade, ein Terre-a-Terre, eine Passage, eine Galopp-Pirouette sowie der abgebildete Sarazene(?) in einer perfekten Schulparade, Lektionen wie die Künstler sie wohl tagtäglich in ihrer Heimatstadt Neapel, lange Zeit Sitz einer der besten Reitakademien der Renaissance und des Barocks, beobachten konnte.  Hier war Antoine de Pluvinel ausgebildet worden, hier entwickelte er Federico Grisones  Lehre von der schonenden, gewaltfreien Ausbildung der Pferde weiter.

 Eine figürliche Darstellung der Schulparade direkt aus dem Neapel dieser Zeit war mir bisher nicht bekannt!

(im Palau March Museo, Palma de Mallorca)



Links:


andere Bilder von der neapolitanischen Krippe in der Bildergalerie!



 

Türkische Schulparade


 Thomas Allom überliefert uns eine Schulparade aus Konstantinopel (heute Istanbul) von ca.1835:


Für eine Ansicht des ganzen Bildes  hier klicken

















Philips Wouwerman, Army Camp, c. 1660 - 1670 (Mauritshuis, Den Haag, Niederlande)













Lebhafte Szene vor einem herrschaftlichen Haus, die Damen mit ihrem Gefolge beim Aufbruch zur Reitjagd. Kupferstich von Jean Moyreau nach Philips Wouwerman 1738




















Philips Wouwerman












Philips Wouwerman












Philips Wouwerman















Philips Wouwerman











 



Philips Wouwerman















Gemäldegalerie, Berlin










Philips Wouwerman













Kupferstich von Jean Moyreau nach Philips Wouwerman














Philips Wouwerman














Philips Wouwerman














Philips Wouwerman,Museum of fine Arts, Budapest, Ungarn













Feldlager (Philips Wouwerman)














Zu viel getrunken (Philips Wouwerman)










    Indische Schulparade


In der online Datenbank des Rijskmuseums Amsterdam findet sich diese Schulparade aus Indien um 1577:



 webAdresse hier











   Schulparaden im Kampf

Ebenfalls aus der Datenbank des Rijksmuseums Amsterdam:


















Zeichnung von Leonardo da Vinci




















Hier meine neuesten Schulparadenfunde aus der online Datenbank des British Museum, London:




Römischer Siegelstein aus Glaspaste, 3. bis 1. Jhdt. v. Chr.















 














 















Auch der Parthenon-Fries (zum großen Teil im British Museum zu sehen) wird dem Bildhauer Phidias zugeschrieben.



Das linke Pferd befindet sich in einer Schulparade. 
























In der französischen Joconde Datenbank fand ich folgende Darstellungen:






             
Übung zur Schulparade  






























































































































Schulparade aus Antwerpen







Unvollendetes Bild von Pieter Paul Rubens, 1577 - 1640; ( Rubenshaus, Antwerpen)















 

Indianische Schulparade






George Catlin: The Running Fox on a Fine Horse - Saukie; 1861/1869 ( Nationale Kunstgalerie, Washington, USA)










Offizierspferd in der Schulparade






Statuette im Palazzo Venezia, Rom



















Hier gleich  zwei SPs vor dem Streitwagen: vorn eine gebogene, hinten eine gerade:



Foto H.-P.Haack












 

Man beachte die Zügelführung, eine andere Art 3:1 zu führen: der linke "Trensen"zügel wird von Daumen und Zeigefinger der rechten(!) Hand gehalten, der rechte "Trensen"zügel von der linken (!) Hand! !

So wird verhindert, dass der Reiter das Pferd am inneren Zügel herumzieht, denn es ist nur das erwünschte "Schieben" des Zügels gegen die äußere Seite des Halses zum Wenden möglich.

Ich denke, alle Anfänger und besonders die Umschüler sollten imer mal wieder die Möglichkeit bekommen auf diese Weise reiten, denn auch mit einfacher Wassertrensenzäumung ist dieses Vertauschen der beiden Zügel und das Überkreuzführen möglich!

 (Dass eine gekreuzte Zügelführung auch einhändig auf blanker Kandare angewendet werden kann, zeigt uns das Marc Aurel-Denkmal auf dieser Seite ganz unten.)

 

 























aus der Tang Dynastie







Théodore Géricault (1809 - 1824)

 









1753, gestochen von Jean Daullé ?, gezeichnet von Philibert Benoît de La Rue ?


















Natürliche Haltung des Wildpferdes




Video von der website von  Dr. Brian Hampson   und Prof. Chris Pollitt.

Ich traf Brian bei seinen hochinteressanten Vorträgen zur Hufgesundheit bei wild lebenden Pferden im australischen Outback auf der 7. Huftagung der  DHG in Leipzig





Guter Artikel hier Feine Hilfen


Ein wunderbares Lehrvideo über die Schulparade findet sich hier:  School-Halt










Andere starke Paraden



Die initiale leichte Längsverschiebung des Pferdeschwerpunktes nach hinten, wie wir sie beim anfänglichen Stellen und Biegen an der Hand produzieren, könnte man als Achtel-Schulparade bezeichnen.




  Die nächste wäre dann schon eine Viertel-Schulparade:



Persische Gürtelschnalle, 2. bis 3. Jhdt. n.Chr. ( British Museum, London, Great Britain)      











Diese starke Parade im Stehen, noch ohne Absenken der Hinterhand, verdient dann vielleicht die Bezeichnung halbe Schulparade:



Stempelabdruck auf einem Lehmziegel  aus der Stadt Ur in Mesopotamien (3000 bis 6000 Jahre alt!)

(British Museum, London, Great Britain)













 

 

 


Die Schulparade als politisches Ausdrucksmittel




 

   Die "Abreise eines Würdenträgers aus Middelburg" von Adriaen Pietersz van de Venne, ein Gemälde von 1615, zeigt wohlhabende, einflussreiche  Bürger,  die entsprechend  gute Pferde besitzen.  Da eine tiefe Levade den Adeligen vorbehalten war, wählten sie die Schulparade als  die Lektion , die der Levade am nächsten kommt, um sich darstellen zu lassen. (Reichsmuseum, Amsterdam, Niederlande)
















Der "Einzug von Maurits in Den Haag, 1594" von  Christiaan Lodewijk van Kesteren, geschaffen um 1853 - 1861, zeigt eine Schulparade mit der umgekehrten Symbolik: Maurits von Nassau Oranje, späterer Prinz von Oranien,wird hier als Diener der Niederländischen Republik, eher als Bürger also, dargestellt. 
 Ob es eine entsprechende Vorlage aus dem 16. Jhdt. gab? Oder hatte der Künstler tatsächlich noch ein lebendes Vorbild gefunden? (Reichsmuseum, Amsterdam, Niederlande)










Napoleon Bonaparte in Austerlitz
















 

Dass Napoleon sich mehrfach nur in der Schulparade abbilden ließ, kann man zumindest anfangs als Demonstration seiner Volksnähe und gegen den alten Adel auffassen. Er ließ sich deshalb zur Propaganda seiner Verdienste bei der Alpenüberquerung  „am liebsten auf einem wilden Pferd“ darstellen (in Wirklichkeit hatte er die Alpen auf einem Esel überquert). Dies konnte der Maler, um eine zu enge Assoziation mit der Adels-Levade zu vermeiden, nur als Steigen des Pferdes realisieren (Bild), das hierdurch fortan modern, fortschrittlich, gesellschaftsfähig und erstrebenswert erschien.Wie man heute aber wieder weiß, führt die Erziehung zum Steigen zu einer starken, anhaltenden Qualitätseinbuße bei Schulparade und Levade, oder verhindert diese Lektionen gleich ganz. So hatten die Propagandamittel Napoleons also auch einen ganz direkten Einfluss auf die Verschlechterung der Reiterei zusätzlich zum Verlust der meisten guten Reiter und Pferde in und nach der frnz. Revolution!

 

Es ist also nicht verwunderlich, dass die Schulparaden im Verlaufe des 19. Jhdts. immer weiter degenerierten und die Levade fast ganz aus dem Wollen, Wissen und Können der Reiter verschwand und zu einer Zirkuslektion verkam.




Eine exzellente Darstellung des extremen Bruchs in der Reiterei gelang den Bildhauern A.D. von Fernkorn/Franz Pönninger und Ernst Hähnel 1874 mit dem Reiterdenkmal-Paar auf dem Braunschweiger Schlossplatz: Beim Vorbeikommen freue ich mich immer wieder, wie deutlich meine Pferde und ich uns mit unseren kleinen Erfolgen schon an die Reitweise des Alten angenähert haben! (Der Vater links mit supinierter Handhaltung und deshalb entspannterem Bauch: siehe auch Seite "Forschung"  hier

 

 

von User:Brunswyk (User:Brunswyk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons
 

 













Die zunehmende Degeneration der Schulparade im 19. Jhdt.






























Statue des Königs Leopold I. von Belgien, errichtet 1863 auf dem Leopoldsplaats, Antwerpen (Photo © www.aviewoncities.com)








Mit dieser Skizze hat Pablo Picasso für uns festgehalten, was um 1905 in der Erinnerung der Menschen noch vorhanden war: oben rechts die schwache Erinnerung an die Schrittpassage (= echter spanischer Schritt), s.u..

(Nationale Kunstgalerie, Washington, USA)





 

Schulschritt

 

Broue (1595) beschreibt den Schulschritt so:

"Der Schulschritt (pas d'escole) soll sein: zurückgehalten ("adverty"), verkürzt, und leichtfüßig, im Unterschied zum regellosen und schleppenden Schritt im Gelände oder beim Bummeln vor und nach der Lektion." (I/S.103), und : "Ein abgekürzter und erhabener Schritt" (I/S.155)

Gueriniere schreibt: "Die Bewegung im Schulschritt ist taktmäßiger, abgekürzter und vereinigter als im Feldschritt."

Er gibt an einer Stelle die Anweisung, aus einem verkürzten Schulschritt in eine Passage zu wechseln (ohne anzugeben, ob Schritt- oder Trabpassage gemeint ist).

Offensichtlich meinen beide mit Schulschritt einen normalen 4-taktigen Schritt.

 








Schrittpassage = diagonalisierter Schulschritt = Spanischer Schritt




Ridinger, 1760








Ridinger










Schulschritt: Baron von Eisenberg, 1746, in  "Wohleingerichtete Reitschule oder Beschreibung der allerneuesten Reitkunst"

(zitiert aus dem Lehrvideo "School Walk" von Bent Branderup, HIER 














Im "L'Art de la Cavalerie" von Gaspard Saunier: Er schreibt ausdrücklich von der "Passage im Schritt".

 

"Passage" und  "Passege"und das "Seitwärts",


 

Der von Grisone, Broue und Pluvinel benutzte Begriff "Passege/Passeige" kommt von "spazieren", auf italienisch: "passegiare"(= spazieren). Erst William Cavendish/Newcastle änderte den Namen in "Passage": von diesem Zeitpunkt an wird fast nur noch dieser Name verwendet.

Der Begriff  "Passege" wurde für zwei verschiedene Sachverhalte verwendet: A. für das Seitwärtsgehen des Pferdes in einem sehr versammelten Gang: Lässt man das Pferd seitwärts gehen, mit einer starken Abstellung von ca. 80°, ensteht eine Diagonaliserung des Schrittes, der somit zweitaktig wird (Normalschritt: viertaktig). Dieser Zweitakt wurde bei  Bedeutung B., dem Geradeaus-"Spazieren" beibehalten, aber diese Bewegung, Zweitakt im Geradeaus, wurde nicht anders genannt.


Leider wird der Begriff "Passege/Passage" also nicht immer nur für das Seitwärts, sondern auch für eine Bewegung geradeaus verwendet (so wird in der deutschen Übersetzung des Pluvinel "Passeige" gelegentlich sogar mit "Promenieren" übersetzt).

Wenn man den Ausdruck "Spazieren" wörtlich nimmt, könnte man sich vorstellen, dass für einen Reiter, der Schritt halten wollte mit seiner zu Fuß auf der Promenade flanierenden Begleitung, der Feldschritt des Pferdes viel zu ausgreifend gewesen wäre, er musste also permanent das Pferd bremsen, den Schritt verkürzen und, damit es dabei nicht auseinanderfiel und ein schlechtes Bild abgab, seine Vorhand aufrichten und gleichzeitig seine Hinterhand untertreiben, es also versammeln. Trat hierbei dann wieder eine Diagonalisierung wie im Seitwärts auf, umso schöner und wertvoller! Die Ruhe, die sie ausstrahlt, macht diese Bewegung auch innerhalb einer Menge von Pferden und Menschen, z.B. bei Prozessionen und Umzügen zum Mittel der Wahl.

Das Wort "Passage"(heute = Trabpassage, Schwebetrab) aber drückt eher "passieren, vorbeiziehen" aus:  nach dem italienischen "passare",  dem englischen "to pass", das Wort Passage bedeutet aber auch im Französischen "das Vorbeiziehen". Sie würde einen zu Fuß neben dem Pferd gehenden Menschen eher beängstigen und ist daher hierzu gar nicht geeignet. Hingegen macht sie aufgrund ihrer Kraftentfaltung einen prächtigen Eindruck beim Passieren einer Tribüne oder von Menschen, die am Straßenrand etwas entfernt stehen. Das Tempo kann hierbei auch gut an eine schnell marschierende Truppe angepasst werden, vor der man vorneweg in diesem „Schwebetrab“ reitet.

 Während Saunier mit dem Zusatz "Schritt" darauf hinweist, dass er eine Schrittpassage meint, spezifiziert Gueriniere leider fast nie genau, ob Trab oder Schritt, und auch nicht, ob geradeaus oder seitwärts gemeint ist. So hat denn Daniel Knöll in seiner Gueriniere-Übersetzung von 1791 immer „Spanischer Schritt“ gewählt („Spanischer Tritt“ wäre die Alternative für den Trab gewesen).


Zitate: 

 

Broue (1595): "Passege: Gangart in einem zurückgehaltenen und abgekürzten Schulschritt sowohl in den Volten (damit meint er auch Karrees) als auch im Geradeaus." (I/S.10) und: "... wenn das Pferd auf der Volte passegiert, wird seine Aktion immer unterstützt durch ein Vorder- und ein Hinterbein auf der Erde, während die anderen beiden in der Luft sind...."(= diagonalisierte, zweitaktige Aktion) (II/S.97).

Pluvinel ( vor 1620): Die richtige Passeige ist ein abgekürzter Schritt, den das Pferd etwas lebhafter als den normalen Schritt macht, aber weniger lebhaft als den Trab (hier ist nicht von einem 2-Takt die Rede).

Newcastle (1658) schreibt von der "Schrittpassage, welche die Aktion des Trabes hat" und vom "Schritt, welcher die Aktion des Trabes hat", aber auch von einer Passage im Trab.

   In seinem Wörterbuch steht allerdings folgende Definition der Passage:„Ein Pferd passagieren lassen heißt, es im Schritt oder Trab auf 2 Hufschlägen... und seitwärts zu führen, so dass seine Hüften eine parallele Spur zu der Spur der Schulter ziehen.“ Er sieht den diagonalisierten Schritt als Ergebnis des Seitwärtsgangs (bei ihm z.B. mit der Kruppe zum Pilaren, der dieselbe Abstellung von ca. 80° hat wie Guerinieres Croupe-au-mure). Er schreibt: „Wenn die Vorderbeine kreuzen, greift das innere Hinterbein aus, und wenn die Hinterbeine kreuzen, greift das innere Vorderbein aus: das ist dann eine Trabaktion (Zweitakt).“


In ihrem Kapitel „ Über das Geradeaus-Passegieren und wann und wo es anzuwenden ist“, schreiben N. & L. Santa Paulina (1696)im L'Arte de cavallo, S.96: "Es gibt vier Arten, ein Pferd zu passegieren....  Man kann im Schritt passegieren, das bedeutet, dass es wie im Trabe die Hinterbeine und die Vorderbeine anhebt, aber nicht in ganz exakt demselben Moment wie im Trab, sondern mit einer unspürbaren Pause vor der Bewegung des anderen Beines,  das Pferd hebt das Vorderbein höher als das Hinterbein, und wenn das andere (Paar) in gleicher Höhe gehoben wird, spricht man hier von der Passegio, die, auch wenn sie nicht so anmutig ist wie im Trabe, trotzdem majestätisch und angebracht für einen Fürsten ist.“

Gueriniere (1733) benutzt leider das Wort "Passage" sowohl für den diagonalisierten Schulschritt  wie für den Schwebetrab, ohne uns mitzuteilen, welchen von beiden er an der jeweiligen Textstelle meint: "Die Passage, die man vorher Passege nannte (von dem ital. Wort Spassegio, welches Spaziergang bedeutet) ist ein abgemessener Schritt oder Trab. Das Pferd muss in diesem Gang seine beiden, wie beim Trab überkreuz und einander entgegengesetzten Schenkel längere Zeit in der Luft halten als im gewöhnlichen Trab, so, dass es bei jedem Schritt nicht mehr als einen Schuh vorwärts geht: nämlich, das der in der Luft befindliche Schenkel dem auf der Erde stehenden vorgreift."

Saunier (vor 1748) benutzt als erster (?) den Begriff "Schrittpassage". 

Eisenberg (1748) spricht vom "Schritt des Pferdes, das wohl abgerichtet ist und seine Beine kreuzweise miteinander aufhebt, der kurz und abgemessen, im Gegensatz zu dem des Brauchpferdes, welcher niedrig, lang und langsam ist."  

(Das würde entweder für eine Schrittpassage sprechen, oder aber dasselbe Mysterium darstellen, das ich im folgenden Abschnitt anspreche).

Das Wort Passagieren wird von ihm nur für den Schwebetrab gebraucht.


In der französischen Grisone (1550)- Übersetzung von Sébillet aus 1579 ist das "Incavallare" (=Seitwärtspassege) in der "Mezza Volta" (= Demi-Volte) nach links während des Kreuzens der Vorderbeine abgebildet:



Das Wort "Incavallare" bedeutet das Seitwärtsreiten in einer normalen Volte (d.h. mit der Kruppe zur Mitte).  Vielleicht wäre dieses Wort als eindeutige Bezeichnung für das 80°-Seitwärts am besten geeignet?  Das Gegenstück,  die Kruppe heraus in 80° Abstellung auf dem Renverskarree, würde man dann als "Excavallare" bezeichnen.  Dieses Wortpaar wäre dann nie in Gebrauch gewesen für Schrittpassage oder Trabpassage oder Promenieren, und auch nicht für die bisherigen Seitengänge Kruppeherein und Kruppeheraus.
( Der Reiter ist ziemlich sicher Rechtshänder, erkenntlich an der Schwertposition, er benutzt hier aber den Linkshändersitz!).
 


 Alternativ könnten wir folgende Begriffe für das 80°-Seitwärts einführen: Voll-Travers für das 80°-Travers und Voll-Renvers für das 80°-Renvers.



Das Einfachste aber wäre es wohl, für das 80°-Seitwärts die bekannten Begriffe Travers und Renvers wie folgt  umzudefinieren:

1. Das Travers ist eine Seitwärtsbewegung mit einer Abstellung von 80° zur Linie, entlang der man sich in sehr versammeltem Tempo mit in die Bewegungsrichtung gestelltem Kopf bewegt, wenn die Kruppe des Pferdes zur Mitte der Bahnfigur zeigt. Andere Abstellungsgrade werden als Travers-ähnlich bezeichnet.

2. Das Renvers ist eine Seitwärtsbewegung mit einer Abstellung von 80° zur Linie, entlang der man sich in sehr versammeltem Tempo mit in die Bewegungsrichtung gestelltem Kopf bewegt, wenn die Kruppe ausserhalb der  Bahnfigur gestellt ist. Andere Abstellungsgrade werden als Renvers-ähnlich bezeichnet.

3. Für die 80°-Seitwärtsbewegung an einer Wand entlang soll man nur die Bezeichnung "Croupe-au-Mure" verwenden, damit man nie den Kopf des Pferdes an die Wand stellt, da dieses schädlich ist.

4. Dann könnte man postulieren: der Schritt in Travers und Renvers ist immer zweitaktig, und: im Travers und im Renvers ist das Pferd immer in einem halben Terre-a-Terre: dem Terre-a-Terre der Vorhand, wenn diese weit ist, und dem Terre-a-Terre der Hinterhand, wenn letztere weit ist.

Dann könnte man nach Gueriniere das Training exakt, elegant und einfach so erklären: zunächst mit dem Croupe-au-mure  im Schritt beginnen,  dann auf kleineren Karrees im Schritt-Renvers weiter üben, und dann mit dem Schritt-Travers auf Karrees und später in Demi-Volten und den Passaden weitermachen.


5. Dann können wir  die zweitaktigen Bewegungen ganz allein stellen mit den Bezwichnungen: Schrittpassage und Trab-Passage ( = Schwebetrab).

 


 

Vielleicht kann man das ja schon bei der Sommerakademie 2017 in Toreby diskutieren?

 







 

Mysterium „Natürlicher Schritt“ in den alten Darstellungen und Schriften


Newcastles Beschreibung des natürlichen Schrittes ist unverständlich: "Ein Pferd im Schritt hat 2 Füße in der Luft, und zwei auf dem Boden, welche sich gleichzeitig fortbewegen, ein Vor- und ein Hinterfuß, was die Bewegung eines leichten Trabes ergibt."

Es ist kaum vorstellbar, dass ein unausgebildetes Pferd im Schritt ohne Not auf die sichere Dreipunktstütze verzichten würde!

 

Auch Saunier beschreibt (nach Newcastle?) den normalen Schritt als zweitaktig "mit kreuzweise bewegten Beinen, genauso wie im Trab".

 

Ridingers Darstellung eines „Schulgerechten Schrittes an der Wand geradeaus“ macht eher den Eindruck eines relativ flotten Arbeitsschrittes, wäre da nicht die Diagonalisierung...


Unter den vielen tausend Reiterdarstellungen, die ich in diversen Datenbanken und Museen angesehen habe, sind Darstellungen des 4-Takt Schrittes übrigens fast gar nicht zu finden, auch bei frei laufenden Pferden.








Platin-Moretus-Museum, Antwerpen, Belgien     >> mehr Bilder

























Starke Schrittpassage ( = span. Schritt) , korrekt ausgeführt: Gleichzeitigkeit der diagonalen Bewgung, der Hinterfuß wird ebenso extrem angehoben wie der Vorderfuß, kein Wegdrücken des Rückens.

(Landesmuseum Braunschweig)














































Griechische Münze aus dem 3. Jhdt. v. Chr.


















 

Schrittpassage










Schrittpassage










Trabpassage








Trabpassage











Der perfekte Sitz auf dem Pad




 

Marc Aurel wird hier vom Künstler in einem vorbildlich ausbalancierten, wahrlich leichten Sitz dargestellt, auf einem Sattelpad ohne Steigbügel, bei einhändig  gekreuzt geführter Kandare.

Der Reiter fast schwebend in völligem Gleichgewicht; allerfeinste, auf den Punkt präzise Hilfen gebend für die Trabpassage. (Damit die Statue statisch sicher steht, musste der Künstler auf die korrekte Dartsellung des linken Hinterbeines, das sicherlich in Wirklichkeit weiter nach vorn und höher gehoben wurde, verzichten).

Der Name Schwebetrab für die Trabpassage  trifft hier, beim Reiten ohne Steigbügel, nicht nur für die Bewegung des Pferdes, das eine längere Schwebephase zeigt, sondern auch für das Gefühl des Reiters auf dem Pad ohne Steigbügel zu.  Geht das Pferd so weich, wandern die Oberschenkel des Reiters immer weiter nach oben. So hält der Reiter seine Beine nicht mehr nur "vor dem Pferd", wie es de la Broue später empfehlen wird, sondern hier sogar, wie ich es nenne, "über dem Pferd". Diese sehr bequeme Haltung  kann man auch bei der mesopotamischen Schulparade  sehen.

 




   

     

 



(Original in den Musei Capitolini, Rom, 2. Jhdt. n. Chr. ; Abgussreplik auf der Piazza del Campidoglio. Die vergoldete Bronzestatue wurde nur deshalb nicht eingeschmolzen, weil man jahrhundertelang annahm, sie stelle den Christenkaiser Konstantin dar).